Stiftung Warentest zur E-Zigarette

Ausgewogener Stiftung Warentest-Artikel verspricht ein bisschen zu viel

Im März-Heft ihrer Zeitschrift „test“ hat die Stiftung Warentest einen Artikel zum Thema E-Zigaretten mit der Überschrift „Ist Dampfen harmloser als Rauchen?“ veröffentlicht. Darin stellt das Verbrauchermagazin eingangs eine interessante Frage: „Wer verfügt über die besseren Argumente und Fakten, die Befürworter oder die Kritiker?“ und verspricht anschließend, diese anhand von selbst ausgewerteten Studien zu beantworten.

 

Die Frage selber ist erfreulich, weil sie von einer gewissen Neutralität spricht. Auch die ersten Absätze lassen sowohl Nutzer wie kritische Stimmen ausgeglichen zu Wort kommen. Das eine endgültige Antwort auf die Überschrift auch in diesem Artikel nicht gegeben werden kann, darauf weist der Autor nach einer kurzen Vorstellung des Geräts E-Zigarette und der aktuellen Branchenlage hin: „Vor allem aber liegen noch keine Daten zu den langfristigen Auswirkungen vor. Dringend nötig sind Studien, die über mehrere Jahre laufen – mit vielen Dampfern sowie Rauchern und Nichtrauchern zum Vergleich.“

Ebenfalls eine sehr ausgewogene Bemerkung ist die, dass „sich nicht so einfach von den vorhandenen Studien auf alle E-Zigaretten schließen lässt, weil sich so vielfältige Geräte und Liquids am Markt befinden.“ Schon durch diese Aussage qualifiziert sich der Beitrag; selbst wissenschaftliche Studien ignorieren oft schlicht die Tatsache, dass einzelne Modelle und Liquids in Nassdampf-Abgabe und Zusammensetzung entscheidend differieren können. Ebenso differenziert äußert der Artikel sich zu der vor nicht langer Zeit gehypten Formaldehyd-Panik – und der Tatsache, dass dieses nur bei unnatürlich hohen Betriebstemperaturen entstehen kann.

Zeit, dass der Suchtbegriff differenzierter verwendet wird

Die Risikoarmut des Passivdampfens wird genauso thematisiert wie die erhöhte soziale Akzeptanz des Dampfens durch Partner. Kritischer wird das Verbrauchermagazin bei der Erfolgsquote der Tabakentwöhnung durch den Umstieg. Unter der späterhin nicht mehr wirklich untermauerten Zwischenüberschrift „Sucht bleibt Sucht“ zitiert es Anil Batra vom Wissenschaftlichen Aktionskreis Tabakentwöhnung mit den Worten „Sucht an sich ist eine Einschränkung der freien Willens-entscheidung“ und beschreibt anschließend Dampfer als Abhängige, die „immer wieder ihr Verlangen stillen müssten – genau wie Raucher“.

Das ist sucht-psychologisch nicht ganz korrekt. Menschen handeln in den meisten Fällen, um ein Verlangen zu stillen (ich etwa stille soeben mein Verlangen auf Schokolade mit einem heißen Kakao). Das allein macht noch keine Abhängigkeit aus. Die Frage ist etwa viel mehr, ob dieses Verlangen zwanghaft ist, ob eine Beibehaltung der Gewohnheit trotz negativer Konsequenzen für Selbst und Umwelt durchgesetzt wird, ob damit ein Verlust freier Verhandlungsfähigkeit einher geht und eine Tendenz zur Dosis-Steigerung zu beobachten ist.

Die Grenzen zwischen neutralem Konsum, Genuss, Lust, Gewöhnung, Abhängigkeit und Sucht fast aller Substanzen und Tätigkeiten können fließend sein. Aber gerade in der Diskussion ob der verhältnismäßigen „Harmlosigkeit“ von Dampfen gegenüber Rauchen, also einer Frage der Relativität, würde ein wissenschaftliches Ethos nach wesentlich mehr Grauzonen verlangen, als die Überschrift „Sucht bleibt Sucht“ erzeugt.

Sinnvoll wären mehr und differenziertere Gesprächspartner gewesen

Was ein wenig stört, ist die Einseitigkeit der Gesprächspartner/in, nämlich Frau Pötschke-Langer vom Krebsforschungszentrum (wer auch sonst, ist man geneigt zu fragen). Die Wahl an sich ist verständlich, schließlich haben beide Einrichtungen, das DKFZ und die Stiftung Warentest, denselben Arbeitgeber, nämlich die Bundesregierung. Frau Pötschke-Langer spricht die bekannten Warnungen aus, etwa vor E-Shishas und E-Zigaretten als Einstiegsdrogen für Jugendliche. Der Artikel gleicht diese jedoch mit dem Hinweis wieder aus, dass auch für diese Behauptung noch keine ausreichenden Belege vorhanden sind. Das Fazit der Zeitschrift: „Am besten weder rauchen noch dampfen.“ Unproblematische Angelegenheit, da Nichtraucher – diese Studien gibt es schon – selten zu Dampfern werden.

Die Frage bleibt: Welche Studien?

Zu begrüßen ist, dass Deutschlands größtes und meistgelesenes Verbraucherschutzmagazin mit einer durchschnittlichen Leseranzahl von mehreren Hunderttausend pro Heft einen ausgewogenen Artikel zum Thema Dampfen schreibt. Journalistisch einwandfrei ist er leider nicht. Das Heft gibt weder an, wie viele, noch welche Studien es ausgewertet hat und was es überhaupt unter „Auswertung“ versteht.

Die vermittelten Informationen hätte man innerhalb von 30 Minuten online finden und genauso zusammenfassen können – von einer wirklichen Verbraucher-Analyse erwarte ich offensichtlich mehr: Eine Vorstellung der verschiedenen Generationen von E-Zigaretten; eine Studie der möglichen Liquidzusammensetzungen und den Vorsichtsmaßnahmen, die jeder Verbraucher zur Qualitätssicherung ergreifen kann; eine kurze Übersicht über die gegenwärtige rechtliche Situation und einen Ausblick auf die Folgen des ratifizierten TPD2 etc.

Die Interessengemeinschaft E-Dampfen hat als Reaktion auf den Beitrag einen offenen Brief an die Stiftung veröffentlicht, in dem sie anbieten, mit ihrem „profunden Fachwissen“ und den Ergebnissen „einer verbraucherorientierten Testreihe bestimmter, am Markt gebräuchlicher Geräte“ zur Verfügung zu stehen, falls gewünscht. Wir dürfen gespannt sein, was (und ob) die Stiftung antwortet.

Und wie immer: Ein paar schamlose Trittbrettfahrer…seufz.

Aber in Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei der Stiftung Warentest um ein 1964 gegründetes Bundesorgan handelt, das zu 14% von Bundesmitteln subventioniert wird (der Rest kommt durch Publikationsverkäufe herein), ist das Ganze dennoch als überraschend positiver Beitrag zur Aufklärung übers Dampfen zu betrachten.

Dass virtuelle Regenbogenblätter wie Focus Online den Artikel nutzen, um daraus Überschriften wie „Von wegen harmlos: Vorzüge der E-Zigaretten verdampfen“ zu fabrizieren, wäre eher eine traurige Randnotiz, hätte diese Publikation nicht ähnlich viele Leser wie „Test“ selbst. Im Anschluss an diesen reißerischen Titel rattert der Focus dann eben die Argumente herunter, die der Artikel bringt – und die nun mal vorwiegend Pro-Dampfen sind. Aber was nützt es, sich aufzuregen – schlechter Journalismus wird immer überleben, weil er die Lust des Menschen am Vorurteil nährt.

Weiterführende Links
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2 Kommentare
  1. dekatch sagte:

    „Ebenso differenziert äußert der Artikel sich zu der vor nicht langer Zeit gehypten Formaldehyd-Panik – und der Tatsache, dass dieses nur bei unnatürlich hohen Betriebstemperaturen entstehen kann.“

    ich habe die Thematik verfolgt und es hieß, dass dieser erhöhte Wert bei nur einer e-Zigarette festgestellt werden konnte.

    Man kann jede e-Zigarette mit Überspannung betreiben, und ich wette, dass die das auch so handhaben und dennoch nur bei einer e-Zigarette diesen Wert heraus kitzeln konnten.

    Wenn ich eine Zigarette bis über den Filter hinaus rauche, können wohl noch schädlichere Werte entstehen. wieso gibt’s da keine Studie darüber? Und das die Zug Technik bei einer e-Zigarette anders ist, ist denen wohl entgangen.

    Man muss von dem Begriff „e-Zigarette“ irgendwann mal wegkommen. Es ist ein vaporizer, und diese werden auch in der Medizin eingesetzt. und es gibt Studien, die belegen, das ohne Verbrennung viele Substanzen Schadstofffreier inhaliert werden können.

    Das geht aber total unter. hingegen findet man dann so neue Begriffe wie nassdampf.

    Das es diese nicorette inhaler schon in Apotheken gibt interessiert auch keinen?

    Leute wacht auf. Alles was die wollen, ist die e-Zigarette vom freien Markt zu holen, damit die großen keine Verluste befürchten müssen.

  2. Kurbelursel sagte:

    Ob diese „Forschung“ der Stiftung Warentest überhaupt stifungskonform ist?
    Letztendlich halte ich sie für ein überdimensioniertes Vorwort, um dann auf das eigentliche Thema zu kommen, das sonst wohl niemand lesen würde ohne das Zugpferd „eZigarette“ vornedran: „Vier Methoden, die beim Aufhören helfen können.“

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