Die Japan Studie zur e-Zigarette und das Versagen der Medien

Medienskandal um Krebsbehauptung: Was die Formaldehyd-Studie über E-Zigaretten wirklich aussagt

Medienskandal um Krebsbehauptung: Was die Formaldehyd-Studie über E-Zigaretten wirklich aussagt

Eine Meldung über Formaldehyd und eine Studie die für alle Beteiligten nur peinlich ist und die schwächen unseres Systems aufzeigt.

Nicht nur aktive Dampfer haben um den 27. November schockiert in den verschiedensten meinungsbildenden Online-Magazinen wie u.a. BILD, EXPRESS, Die Rheinische Zeitung, Focus, Die Welt, n-tv, n24, nachrichten.de, t-online gelesen, dass E-Zigaretten gemäß einer neuen japanischen Studie zehnmal krebserregender sein können als Tabakzigaretten. Wir haben darüber nicht unmittelbar berichtet – weil uns und jedem denkenden Menschen völlig klar ist, dass es sich dabei nur um gequirlten, leider mordsmäßigen (im wahrsten Sinne) Blödsinn handeln konnte.

Studie war weder neutral noch repräsentativ

Und genauso war es auch. Jeder einzelne Bericht auf den genannten Medienportalen bezog sich auf eine Pressemitteilung der französischen Nachrichtenagentur AFP, die kritiklos übernommen und in den meisten Fällen schlicht zitiert wurde. Wie sich seitdem herausgestellt hat, ist die dieser Mitteilung zugrundeliegende Studie äußerst fragwürdig in ihrem Forschungsaufbau. Erstens wurden die gemessenen, teilweise ultrahocherhitzten E-Zigaretten unter Extrembedingungen automatisiert gedampft. Zweitens wurde die Studie vom japanischen WHO-Koordinator beaufsichtigt und im impliziten Auftrag der dampf-kritischen japanischen Regierung mitverfasst und unterlag damit von vornherein einem Anti-Dampf-Filter. Drittens wurde in der Studie nur der etwaige Carbonyl-Anteil von E-Zigaretten-Emissionen und keine weiteren karzinogenen (also krebserregenden) Stoffe untersucht.

Ergebnis zeigt: E-Zigaretten nie gefährlicher als Tabakzigaretten

Viertens lässt sich die zentral zitierte, weil schön populistische Aussage, „in einer Marke sei sogar zehnmal so viel krebserregendes Formaldehyd wie bei normalen Zigaretten gefunden worden“ (Auszug aus „Die Welt“, identisch zu lesen bei allen anderen Berichterstattungen) in der Studie selbst überhaupt nicht finden. Es ist also offensichtlich, dass sich nicht eine einzige der berichtenden Online-Redaktionen die Mühe gemacht hat, in die Studie auch nur hineinzulinsen – obwohl diese nur einen Klick entfernt öffentlich zugänglich war.

Hätten sie dies getan, wäre ihnen aufgefallen, dass von den in der Studie unter dubiosen Maximalbelastungen und völlig unrealistischen Bedingungen von Maschinen gedampften 13 E-Zigaretten-Modellen vier keinerlei Carbonyl-Verbindungen aufweisen – also auch kein Formaldehyd. (Zitat: „Four (J, K, L, and M) out of the 13 e-cigarette brands did not generate any carbonyl compounds“).

Daraus lässt sich eines (und auch nur das) logisch schließen: Offensichtlich können Kombinationen bestimmter Liquids mit bestimmten Erhitzungsmechanismen unter bestimmten Dampfbedingungen zur Entstehung von gesundheitsschädlichen Carbonyl-Verbindungen führen. Gleichzeitig aber ist es offensichtlich ebenfalls möglich, E-Zigaretten mit nikotinhaltigen Liquids zu betreiben, ohne dass krebserregende, chemische Verbindungen entstehen.

Genau zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie. Sie fasst ihre eigenen Laborbefunde wie auch anderweitig veröffentlichte Literatur so zusammen (meine Übersetzung, Originaltext folgt im Anschluss): „Einige Carbonyl-Verbindungen, wie Formaldehyd, Acetylaldehyd und Acrolein, sind auch aus anderen Ländern als in E-Zigaretten-Emmissionen auftauchend berichtet worden. […] Laut dieser Daten sind diese Emmissionen bei E-Zigaretten ohne Polypropylenglycol fast 100-mal geringer als bei herkömmlichen Tabakzigaretten. Die Formaldehyd- und Acetylaldehydmengen in E-Zigarettendampf waren bei niedrigerer Spannung durchschnittlich respektive 13- bis 807 mal geringer als bei herkömmlichen Zigarettenrauch.[…] Das Datenmaterial wies insgesamt große Schwankungen in den Carbonylkonzentrationen unterschiedlicher E-Zigaretten auf. Generell steht noch nicht genügend Datenmaterial zur Emission von gefährlichen Carbonylverbindungen durch E-Zigarettenemissionen zur Verfügung, so dass diese Verbindungen weiterhin umfassend beobachtet werden sollten.“

(Quelle: „Some carbonyls, such as formaldehyde, acetaldehyde, and acrolein in e-cigarette emissions have also been reported in other countries. […] According to these data, the emissions from e-cigarettes without propylene glycol were almost 100-fold lower than those from traditional cigarettes. […] The amounts of formaldehyde and acetaldehyde in e-cigarette aerosols at a lower voltage were on average 13 and 807-fold lower than those in traditional cigarette smoke, respectively. […] Furthermore, the data revealed large variations in carbonyl levels for different e-cigarettes. However, in general, there is an insufficient amount of data on the hazardous carbonyl compounds emitted from e-cigarettes, thus warranting continued broad monitoring of these compounds.“)

Behauptung zehnfacher Belastung schamlos fingiert

Es stellt sich also die Frage, wie die skandalös schlampig gearbeitet habende AFP auf ihre Behauptung kommt. Die Aufklärung ist wieder einmal der Recherchearbeit des nimmermüden Dampfaktivisten Dr. Farsolinos zu verdanken. Er fragte beim Ko-Autor Prof. Dr. Kunugita nach. Dieser ist nicht nur Direktor des „WHO Collaborating Centre for Tobacco Testing and Research“ (und damit das japanische Abziehbild der von uns so geschätzten Frau Dr. Pötschke-Langer), sondern auch einer der Direktoren des japanischen „National Institute of Public Health“. Mit bösen Zungen könnte ich also auch sagen: Eine Wissenschaftsmarionette, an den Strängen der japanischen Regierung und der WHO gleichermaßen strampelnd.

Dr. Kunugita hat interessanterweise – wie meine eigene Recherche ergab – an der tatsächlichen Durchführung der Studie nicht aktiv mitgewirkt, sondern lediglich bei der Abfassung geholfen und Unterstützung hinsichtlich der behördlichen Glattbügelung des Reports geleistet (in seinen eigenen Worten: „writing assistance and technical advice on the regulatory aspects of the paper“).

Kunugita gab dann auf Dr. Farsolinos Nachbohren hin zu, dass sich die Behauptung einer zehnmal höheren Formaldehyd-Konzentration nicht auf das Studienergebnis (wie auch), sondern auf einen noch unveröffentlichten Fund seinerseits bezog, den er wohl irgendwie versehentlich (sicher doch) gegenüber der Presse erwähnt haben muss. Er behauptete in diesem Zusammenhang, ein Gerät der neuesten Generation getestet zu haben, das 1600?g formaldehyde auf 15 Zügen erzeugt haben soll. Wissenschaftliche Nachweise konnte er hierfür nicht liefern; und gestand auch zu, dass es sich dabei um einen Extremfall gehandelt haben muss, von dem noch nicht analysiert ist, was zu dieser hohen Konzentration geführt haben kann – vielleicht war es schlicht ein kaputtes Gerät, vielleicht war der Liquid-Level gefährlich niedrig oder das Gerät durch falsche Bedienung überhitzt worden.

Gefährdung offensichtlich nur bei mangelhafter Bedienung

Entsprechend formuliert es Kunugita in seinem Originalzitat in der englischen Fassung der Pressemitteilung auch eben so, wenn er sagt: „Besonders, wenn der Wickeldraht (der den Liquid verdampft) überhitzt wird, scheinen größere Mengen dieser Substanzen produziert zu werden.“ („Especially when the… wire (which vaporizes the liquid) gets overheated, higher amounts of those harmful substances seemed to be produced“ ) Er geht also ganz klar selbst davon aus, dass nur eine Fehleinstellung beziehungsweise der mangelhafte Betrieb einer E-Zigarette gesundheitsgefährdend werden kann.
Dabei muss man allerdings auch bedenken, dass der vorliegende Bericht die Grundlage für die Entschlüsse der japanischen Regierung hinsichtlich der Regulierung der E-Zigaretten in Japan sein soll. Wie überall auf der Welt werden sie dabei jene Geräte im Blick haben, die der Nutzer weitestgehend selbstbestimmt befüllen und regulieren kann. Dabei kommt eine negative Risikoeinschätzung jener Gerätetypen, die überhaupt überhitzen können, natürlich gerade recht.

Journalisten haben sich zu Erfüllungsgehilfen machen lassen

Zusammenfassend sieht die Sache also so aus: Medien auf der ganzen Welt (und damit meine ich die ganze Welt, wie eine kurze Google Suche unschwer aufzeigt) haben sich VÖLLIG KRITIKLOS auf eine Pressemitteilung gestürzt, die von einer bestenfalls schlampig arbeiteten, schlimmstenfalls korrupten Nachrichtenagentur verbreitet wurde, ohne einen Blick auf das dieser Mitteilung zugrundeliegende Originalmaterial zu werfen oder sich bei dem zitierten Wissenschaftler selber zu vergewissern. Dieser wiederum war bereit, ein absolut unrepräsentatives, keinem unabhängigen, akademischen Peer-to-Peer-Bewertungsprozess unterworfenes experimentelles Ergebnis als belastbare Information zu verkaufen, um damit ein zuvor gewünschtes Ergebnis (nämlich die weitere Regulierung und Diffamierung der E-Zigarette) zu untermauern.

Wollt Ihr meinen persönlichen Verdacht hören? Offensichtlich kamen Dr. Kunugita und seinen Auftraggebern die Ergebnisse der Studie doch nicht so gelegen, wie sie erhofft hatten (siehe obigen Auszug). Also musste noch schnell eine Aussage hinterhergeschoben werden, die das eigentlich von vornherein festgelegte Studienergebnis ins Tor schießt. Das ist ungefähr so professionell, wie Blinddarmentfernungen für alle Zeiten in allen wissenschaftliche Lehrbüchern als grundsätzlich lebensgefährlich einzustufen, weil ein einziger Chirurg an einem obskuren Krankenhaus mit einem infizierten, stumpfen Skalpell operiert hat und der Patient deshalb bei der Operation gestorben ist.

E-Zigaretten und das journalistische Ethos

Was aber noch viel schwerer wiegt und uns grundsätzlich zu denken geben sollte, ist die Bereitschaft der nationalen und internationalen Medien, auf diesen Zug der Unprofessionalität aufzuspringen. Einzig der englische Guardian hat sich die Mühe gemacht, im Zuge des Berichtes zur Studie auch Dr. Farsolinos zu Wort kommen zu lassen. Dieser weist dort noch auf einen anderen interessanten Umstand hin – nämlich die Konzentration der Studie auf Carbonyl-Verbindungen, die jedoch nur einen Bruchteil der potenziell krebserregenden Substanzen in Tabakzigarettenrauch darstellen. Doch obwohl nur diese untersucht wurden, macht die Pressemitteilung der AFP glauben, es handele sich um eine Untersuchung zur insgesamt karzinogenen Wirkung von E-Zigaretten – wobei doch selbst von ihren allerschärfsten Kritikern nicht bestritten werden kann, dass diese wen überhaupt vorhanden, medizinische Universen unterhalb der Tabakzigarette anzusiedeln ist.

Ein informierter Redakteur weiß all dies. Deshalb lässt sich die globale Bereitschaft, diese Meldung zu verbreiten, auch nicht mit einfacher Schlampigkeit oder Skandalsucht erklären. Natürlich ist es für ein Medium von redaktionellem Wert, wenn ein glorifiziertes Objekt mit scheinbar heilbringender Wirkung (also die E-Zigarette) von ihrem Podest scheinbar in den von Krebszellen wimmelnden Dreck gezogen werden kann. Aber – würden Berichterstatter mit derselben Bereitschaft zum willigen Schergen werden, wenn plötzlich HIV-Medikamentencocktails in einer einzigen Studie als krebserzeugend diffamiert würden? Ich wette, nicht.

Mir kommt es vor, als hätten die Medien immer noch nicht begriffen, dass die E-Zigarette kein Dampf ausstoßendes Spielzeug einer sub-kulturellen Bewegung spleeniger Nerds ist – sondern ein verdammtes Lebenselixier. Medien sollten zur objektiven Berichterstattung verpflichtet sein. Mindestens. Darüber hinaus haben sie aber auch die Aufgabe, aufzuklären, Licht ins Dunkel zu bringen, uns im Sinne Kants, das Werkzeug an die Hand zu geben, den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit (sprich: tödlichen Abhängigkeit) zu finden.

Ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen weltweit einfach nur die entsprechenden Überschriften gelesen haben (Hier nur mal die Headline der Welt „Forscher finden krebserregende Stoffe in E-Zigaretten – Liquids enthalten teilweise mehr Krebserreger als Tabak“, BILD und EXPRESS zitiere ich gar nicht erst) und den vielleicht soeben zart aufkeimenden Gedanken, es mal mit einer eCig zu probieren, innerlich sofort verworfen haben. Was für eine journalistische Schweinerei – statt aktiv an der vielleicht wichtigsten medizinischen Revolution des 21. Jahrhundert teilzunehmen, Erfüllungsgehilfe verkrusteter Institutionen des 20. Jahrhunderts zu sein.

Gleichzeitig hat dieser Skandal mir aber auch wiedermal vor Augen geführt, wie wach, intelligent, reflektiert, kommunikativ, pro-aktiv und uneigennützig (im Hinblick auf die von ihnen ehrenamtlich investierte Zeit) Dampfaktivisten sind. In allen deutschen Dampfblogs fanden sich innerhalb von Tagen ausführliche, intensiv recherchierte und verlinkte Richtigstellungen wieder. Wahrscheinlich ist das die Berichterstattung des 21. Jahrhunderts. Sei es drum.

Weiterführende Links
Die japanische Formaldehyd-Studie zur e-Zigarette
Kritik an der Japan Studie von Dr. Farsolinos
Bericht im Guardian
Thermisch induzierte/prozessbedingte Kontaminanten Beispiel Acrolein und der Vergleich zu Acrylamid

Weitere Themen
Fraunhofer Institut hat kein Formaldehyd in eZigaretten gefunden
Formaldehyd im Genussmittel

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1 comment

  1. Interessent

    Möglicherweise stimmt einiges, möglicherweise stimmt einiges nicht aber die überzogene propagandistische Schreibweise und der Vergleich mit HIV untergraben die Glaubwürdigkeit und bewirken meinerseits Zweifel.
    Könnte auch ein Artikel der Tabakindustrie sein wenn E-Zigarette mit Zigarette vertauscht wird…

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