Was Trump lehrt: Wo AfD und MAGA übereinstimmen – und wo das deutsche System anders reagiert
Serie: Sachsen-Anhalt 2026 – Wie eine AfD-Regierung den Staat verändern würde | Teil 3
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Der Vergleich zwischen der AfD und der Trump-Administration ist produktiv. Aber er hat eine entscheidende Grenze – und die liegt nicht dort, wo man sie vermutet.
Im Januar 2025 wurde Elon Musk beim offiziellen Wahlkampfauftakt der AfD in Halle (Saale) live aus den USA zugeschaltet. Er sagte, es gebe zu viel Fokus auf vergangene Schuld. Man müsse das überwinden. Im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt – verabschiedet im April 2026 – steht, die deutsche Erinnerungskultur sei die „Verstetigung eines Schuldkomplexes“. Fast wortgleich. Nicht zufällig.
Der Vergleich zwischen der MAGA-Bewegung in den USA und der AfD in Deutschland ist in der öffentlichen Debatte oft entweder übertrieben oder abgetan. Er ist weder das eine noch das andere. Er ist ein Strategievergleich – und als solcher außerordentlich aufschlussreich.
Die echten Parallelen: Sieben Übereinstimmungen
Erstens die Migrationspolitik. Sie ist der stärkste gemeinsame Nenner. Die Trump-Administration machte alle 13,7 Millionen sich irregulär aufhaltenden Personen zur Abschiebungspriorität und erlaubte ICE-Razzien in Schulen, Kirchen und Krankenhäusern. Die AfD fordert die Abschaffung des Asylgrundrechts und eine „Remigrationsoffensive“. Die Rhetorik ist identisch: maximale Abschreckung als Staatsziel.
Zweitens die Bildungspolitik. Trump unterzeichnete am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit Executive Orders, die DEI-Programme in Bundesbehörden abschafften. Universitäten, die nicht folgten, verloren Bundesförderung. Die AfD plant dasselbe auf Landesebene: Antirassismus-Training abschaffen, Sonderklassen statt Integration, Lehrpläne ohne „Regenbogenideologie“. Die Methode – Finanzierungsentzug statt Verbot – ist dieselbe.
Drittens die Erinnerungskultur. Trump bekämpfte das „1619 Project“, das die Sklaverei ins Zentrum der amerikanischen Geschichte stellte. Die AfD bekämpft die deutsche Erinnerungskultur als politisch instrumentalisierten „Schuldkomplex“. Beide bedienen dasselbe Narrativ: Die herrschende Geschichtserzählung sei linke Propaganda, und nationale Identität müsse von historischer Schuld entkoppelt werden.
Viertens die Medienstrategie. Trump erfand die systematische Delegitimierung kritischer Presse als „Fake News“. Die AfD spricht von „linken Lohnknechten“, die die Bevölkerung manipulieren. Ulrich Siegmund hat auf TikTok 370.000 Follower und umgeht damit klassische Medien konsequent. Elon Musk stellt dafür die Plattform.
Fünftens der Verwaltungsumbau. Project 2025 formulierte es als Leitprinzip: „Personnel is policy.“ Tausende Bundesbeamte wurden in der ersten Jahreshälfte 2025 durch Trump-loyale Mitarbeiter ersetzt. Die AfD plant dasselbe auf Landesebene – systematisch, über die gesamte Legislaturperiode.
Sechstens die Zivilgesellschaft als Ziel. Trump ließ über DOGE Förderungen für NGOs, Universitäten und unabhängige Institutionen massiv kürzen. Die AfD will in Sachsen-Anhalt „der Asyl- und Integrationsindustrie den Geldhahn zudrehen“ und Förderung nur noch an Vereine mit „patriotischem Bekenntnis“ vergeben.
Siebtens die LGBTQ+-Politik. Trump ließ Geschlecht rechtlich auf die binäre biologische Definition reduzieren. Die AfD bezeichnet homosexuelle Lebensweisen im Wahlprogramm als „sexuelle Abweichungen“ und wirft dem Schulsystem vor, „abseitige Vorlieben zu bewerben“.
Die Musk-Verbindung
Musk fungiert als personelle Brücke zwischen MAGA und AfD: Er trat beim AfD-Wahlkampfauftakt auf, stellt über X/Twitter den algorithmischen Verstärker, unterstützte Alice Weidel öffentlich und verbreitet dieselben Narrative, die im AfD-Programm stehen. Die ideologische Übereinstimmung ist dokumentiert.
Der entscheidende Unterschied: Systemarchitektur
Wer die Parallelen zieht, muss auch die Unterschiede benennen. Und der wichtigste liegt nicht in der Ideologie, sondern in der Systemarchitektur.
Trump ist die Bundesregierung. Er kontrolliert Vollzugsbehörden, Justizministerium, Einwanderungsbehörden, Militär. Wenn er eine Executive Order unterzeichnet, gilt sie am nächsten Tag. Gerichte können bremsen – aber Trump kann Gerichte besetzen, und er hat den Supreme Court mit drei Richtern besetzt, die auf Lebenszeit ernannt sind.
Eine AfD-Landesregierung in Sachsen-Anhalt kämpft gegen die Bundesregierung – in einem System, das genau für diesen Fall Gegenmechanismen entwickelt hat. Der Bundeszwang nach Artikel 37 des Grundgesetzes erlaubt der Bundesregierung, einer Landesregierung, die Bundesrecht verletzt, die Landespolizei zu entziehen und einen Bundesbeauftragten einzusetzen. Das Instrument wurde seit 1949 nie angewendet. Aber es existiert.
Das Bundesverfassungsgericht ist strukturell unabhängiger als der US Supreme Court: Richter werden auf zwölf Jahre ohne Wiederwahlmöglichkeit berufen, mit Zwei-Drittel-Mehrheiten aus Bundestag und Bundesrat. Eine politische Gleichschaltung ist extrem schwer.
Und: Eine AfD-Landesregierung hat keine Kontrolle über Einwanderungsbehörden im Bundessinne, kein Militär, kein FBI-Äquivalent. Sie ist ein nachgeordneter Akteur in einem Mehrebenensystem.
Was trotzdem möglich bleibt: Die Zermürbungsstrategie
Und dennoch: Der direkte Systembruch ist nicht die einzige Strategie. Die reale Gefahr liegt in dem, was die Trump-Administration in ihrer ersten Jahreshälfte perfektioniert hat: die Zermürbung durch legale Dauerproduktion von Konflikten.
Eine AfD-Landesregierung könnte täglich neue Provokationen produzieren – Erlasse, die vor Verwaltungsgerichten scheitern, aber Schlagzeilen machen. Förderanträge wochenlang liegen lassen – legal, aber zermürbend. Bundesrecht formal einhalten, es aber mit minimaler Kooperation umsetzen. Parlamentarische Kontrolle durch schiere Informationsmenge erschweren. Die Opposition erschöpfen.
„Flood the zone – überflute die Zone mit so vielen Ereignissen gleichzeitig, dass Medien, Gerichte und Opposition nicht mehr hinterherkommen.“ — Steve Bannon, ehemaliger Trump-Stratege, über die MAGA-Kommunikationsstrategie
Das lässt sich auf Landesebene übersetzen. Erschöpfung ist eine politische Strategie. Und sie braucht keine Verfassungsmehrheit.
Was Trump gelehrt hat, ist nicht, dass Demokratien leicht zu brechen sind. Was er gelehrt hat, ist, dass Demokratien langsam erodieren können – durch tausend legale Entscheidungen, eine nach der anderen, während die Öffentlichkeit bereits zum nächsten Skandal weitergezogen ist.
Sachsen-Anhalt wird kein zweites Amerika. Aber es wird auch nicht einfach dasselbe bleiben.
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Teil 1: Der Systemtest – Was die Wahl in Sachsen-Anhalt für Deutschland bedeutet
Teil 2: Die stille Transformation – Was ein AfD-Ministerium ohne ein einziges Gesetz ändern kann
Quellen: Wikipedia (Immigration policy of the second Trump administration), Migration Policy Institute, Correctiv, Juedische Allgemeine, NPR, Infratest dimap. Stand: April 2026.







