WHO-Bericht zur E-Zigarette wird scharf kritisiert

WHO-Bericht zur E-Zigarette wird scharf kritisiert

Wie der WHO-Bericht zur E-Zigarette Tausende Leben potenziell gefährdet und warum er eher politisch als sozial motiviert sein könnte

Über den WHO-Zwischenbericht zur elektrischen Zigarette haben wir schon berichtet. Wie erläutert, stellt er zwar keine völlige Verdammung des Dampfens dar. Dennoch zeigt sich die WHO darin aber extrem streng, wenn es um die ihrer Meinung nach aktuell notwendigen Regulierungen von Vertrieb, Marketing und Konsum geht. Grund für diese restriktiven Empfehlungen ist die in den Augen der WHO unzureichende Datenlage, auf die sich eine positivere Beurteilung stützen könnte.

Es ist hauptsächlich letztere Prämisse, nämlich dass noch nicht ausreichend Studien zur Bestätigung der Wirksamkeit von E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung vorlägen, die nun zu verständnislosen Reaktionen einer Reihe von Wissenschaftlern geführt hat. Sie stimmen zwar der Tatsache zu, dass es noch keine belastbaren Langzeitstudien zur Gesundheitsbeeinträchtigung oder Verbesserung durch den Umstieg auf eCigarettes gibt. Dennoch zeigen nach Meinung der ausgewiesenen Suchtexperten wie etwa Ann McNeill, Forscherin am Nationalen Suchtzentrum des King’s College in London, alle jetzt schon verfügbaren Untersuchungen fraglos, dass ein totaler Umstieg aller Tabakkonsumenten auf elektrische Zigaretten Tausende von Leben jährlich retten könnte.

WHO-Bericht nach Forschermeinung unzureichend recherchiert und polemisch fomuliert

Die Forscher befürchten, dass der ihrer Meinung nach lückenhafte und subjektive WHO-Bericht dieses lebensrettende Potenzial der elektrischen Zigarette weltweit zunichte machen könnte. „Wir haben essenzielle Fehler in der Beschreibung und Auswertung der verwendeten Studien identifiziert und finden darüber hinaus, dass viele der Schlüsselaussagen irreführend sind“, stellt die Forscherin fest.

Zur Untermauerung ihres Standpunktes haben McNeill und eine Reihe weiterer nahmhafter Wissenschaftler im Journal „Addiction“ eine Stellungnahme mit dem Titel „A critique of a WHO-commissioned report and associated article on electronic cigarettes“ veröffentlicht, in der sie eine Reihe von Aussagen als falsch oder schlicht zu polemisch, un-empirisch und emotionalisierend definieren.

Vor allem stören die Forscher die folgenden Punkte. Die Gefahr für Nichtraucher und Kinder beziehungsweise Jugendliche, über die E-Zigarette ans Rauchen zu kommen, hat sich bisher nicht bestätigt – anders als der WHO-Bericht es glauben lässt. Dieser unterschlägt auch die Tatsache, dass nicht nur die Zahl an toxischen Stoffen in eCigarettes deutlich unter denen in Tabakzigaretten liegt, sondern dass auch der ausgestoßene Dampf um ein Vielfaches weniger (wenn überhaupt) toxisch ist. Stattdessen postuliert der Bericht eine Gefahr für ‚Passiv-Dampfer‘, die empirisch einfach nicht haltbar ist.

Er behauptet auch implizit, dass der Konsum von E-Zigaretten es für Raucher schwieriger macht, mit dem Rauchen von Tabakzigaretten aufzuhören, während tatsächlich alle Erfahrungsberichte genau das Gegenteil aussagen. Zusätzlich kritisieren die Wissenschaftler die WHO auf semantischer Ebene: Der Bericht benutzt eine in ihren Augen alarmierende, Panik schürende Sprache und präsentiert Meinungen als seien sie bewiesene Tatsachen.

Follow the money

Es stellt sich nach Lektüre des Artikels natürlich die Frage, wie diese offensichtlichen Tatsachenverdrehungen der WHO motiviert sind. Die von uns immer gern gegebene und meist wahre Antwort, dass die Tabak-Lobby ihren Einfluss hat spielen lassen, trifft in diesem Fall wohl kaum zu – zu tief ist die Tabakindustrie selbst an einem freien E-Zigaretten-Markt interessiert, so könnte man annehmen. R.J. Reynolds hat vor einigen Tagen ein 119 Seiten starkes Dokument bei der FDA eingereicht. Wie eine eZigaretten Regulierung aus Sicht des US Unternehmens aussehen würde kann man dem Zitat des Sprechers der Reynolds Vapor Company entnehmen:

„We believe FDA should not allow such products to be sold or marketed,“ Reynolds spokesman David Howard told the news outlet. „We believe open-system vapor products create unique public health risks. These systems are highly subject to adulteration and tampering; they are manufactured largely overseas in facilities that would, as proposed, fall outside regulatory inspection and oversight; and many nicotine liquids are sold in non-child-resistant packaging in flavors that may be appealing to youth.“

Sinngemäß übersetzt:

Wir glauben das die FDA „Offene Dampf Produkte“ verbieten solle. Solche Produkte beinhalten hohe Risiken und Gefahren für die Gesundheit. Sie werden weitgehend in Übersee (China) außerhalb staatlicher Prüfung und Aufsicht hergestellt. Diese Systeme (Elektro-Zigaretten) werden oft verfälscht (geklont) und manipuliert. Die Nikotin-Liquids und Aromen werden in Flaschen ohne ausreichenden Kinderschutz und Verpackungen die Jugendliche ansprechen verkauft.

Zusammengefasst sind das dann so aus: Reynolds (Vuse und Vype von British American Tobacco) kauft gerade Lorillard (Blu eCig) und ist mit der Atria Group (Philip Morris mit iQOS, MarkTen, Green Smoke) Marktbeherrscher von Tabakzigaretten in den USA. Da passt die unermüdlich voranschreitende elektronische Zigarette mit einer ernstzunehmend Konkurrenz aus China überhaupt nicht ins Konzept um auch in Zukunft den derzeitigen 3 Milliarden eZigaretten-Markt beherrschen zu können. Auf diesen Punkt hat auch die WHO in ihrem Bericht hingewiesen.

Jeder der beiden US Tabak-Marktbeherrschenden Unternehmen hat drei eletronische Zigaretten im Markt positioniert. Philip Morris (PMI) setzt auf verschiedene Techniken und Produktvarianten (MarkTen = Einweg, Green Smoke = Mehrweg und iQOS = Tabakverdampfung). Der Wettbewerber R.J. Reynolds mit den Produkten (Vuse = Einweg, Vype = Einweg und Blu eCig = Ein- und Mehrweg) stärker im rückläufigen Einweg E-Zigaretten Segment vertreten.

Während Reynolds versucht sich mindestens den US-Markt zu sichern ist Philip Morris dabei rechtlich gegen die beschlossenen Maßnahmen der EU-Tabakproduktrichtlinie (TPD) vorzugehen.

Da Unternehmen nicht selbst beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) klagen können, schlägt der Hersteller hierbei einen juristischen Umweg über England ein. Philip Morris reichte Klage beim höchsten britischen Gericht, dem High Court, ein. Nimmt der High Court die Klage an, leitet die Kammer die juristischen Fragen direkt an den EuGH weiter. Dieser muss dann Stellung beziehen. Philip Morris wirft der Europäischen Union (EU)  im Zuge der Maßnahmen der TPD eine Kompetenzüberschreitung vor. Regelungen im Bereich Gesundheit hätten rechtlich gesehen den Mitgliedsländern und nicht der EU überlassen werden müssen. Der High Court prüft derzeit die Klage.

 

Ist der WHO-Bericht nur ein Feigenblatt zur Erhaltung der nationalen Tabaksteuern?

Wahrscheinlich nicht, obwohl die maroden Kassen der meisten europäischen Staaten jeden Euro gebrauchen könnten.

Noch sind E-Zigaretten, unabhängig von nationalen und supranationalen Regulierungen, nicht besteuert. Dabei wird das Thema global heftig diskutiert. Doch noch fehlt die logische Grundlage für einen derartigen Schritt. Bei Tabakzigaretten ist die Gleichung einfach: Der Raucher entscheidet sich selbstbestimmt dafür, ein offensichtlich schädliches Produkt zu konsumieren. Wird er dann tatsächlich krank, liegt er mit den Folgen seiner Entscheidung dem öffentlichen Gesundheitssystem auf der Kasse. Um die so entstehenden Kosten abzufedern, zahlt der Raucher bei jeder Zigarette einen kleinen Versicherungsbeitrag drauf: Die Tabaksteuer.

Tatsache ist aber auch, dass die Tabaksteuer nicht nur die Folgen von Zigarettenkonsum abfängt, sondern viele andere Staatsausgaben quer-finanziert. Werden Raucher zu Dampfern, fallen sie als Tabaksteuerzahler aus – es sei denn, es ließen sich genügend Beweise für eine vergleichbare Gesundheitsgefährdung durch die E-Zigaretten konstruieren, um auch deren Besteuerung zu rechtfertigen. Und genau solche Beweise scheint der WHO-Bericht quasi auf Bestellung zu liefern. Verschwörungstheorie? Vielleicht. Andererseits sind supranationale Behörden wie auch die Weltbank dafür bekannt, Legitimationsarbeit für nationale Entscheide zu leisten. Ob an der These etwas dran ist, werden die in den nächsten Wochen und Monaten zu erwartenden Reaktionen der einzelnen Mitgliedsstaaten zeigen. In Österreich hat der Prozess zur Erhebung einer Tabaksteuer für die elektronischen Zigaretten bereits begonnen.

Auch das Argument das die Einnahmen aus Tabaksteuern geringer sind als die Kosten für Krankheit, Pflege und Arbeitsunfähigkeit eines Rauchers wurden mehrfach widerlegt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) spricht von einem Defizit zwischen Tabaksteuereinnahmen und Gesundheitskosten. An anderen Stellen wie z.B. dem Handelsblatt oder Spiegel werden gegenteilige Werte veröffentlicht.

Wenn nicht ersichtlich ist warum sich etwas entgegen aller Argumente doch so widersprüchlich entwickelt: Follow the Money. Der wohlbetuchte Autor Forster Gamble (Procter & Gamble) hat hierzu eine nachdenklich stimmende  Video-Dokumentation (Ausschnitt) erstellt.

Weitere Themen
 Wissenschaftler fordern WHO zu gemäßigten e-Zigaretten Regeln
Studienvergleich beweist: E-Zigarette ist weniger schädlich als Tabakkonsum
Helfen e-Zigaretten wirksam bei der Nikotinentwöhnung?
Die Fehler in der neuen EU-Richtlinie für Tabakerzeugnisse
Über Ann Mcneill
Alle WHO Artikel zur WHO eZigaretten-Politik
Tabakentwöhnung mit E-Zigaretten: Langzeitstudie beweist Erfolg

Weiterführende Links:
Addiction
Tabaksteuer auf Tabaklose E-Zigarette in Österreich?
Aktiv dabei sein
Petition: Freies Dampfen –  Europäische Initiave
Demokratie leben: Ihre politische Stimme fürs Dampfen

Liquid-News PayPal Logo
0,69 EUR
   

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *