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Stratospheric Aerosol Injection (SAI) – Sonnenschirm für den Planeten oder riskanter Notfallplan?

Stratospheric Aerosol Injection (SAI) – Sonnenschirm für den Planeten oder riskanter Notfallplan?
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Ein Eingriff in den Himmel

Stratospheric Aerosol Injection, kurz SAI, ist eine der bekanntesten und zugleich umstrittensten Methoden des Geo-Engineerings. Die Idee: feine, reflektierende Partikel hoch in die untere Stratosphäre (rund 20 Kilometer Höhe) bringen, um einen Teil der Sonnenstrahlung zurück ins All zu reflektieren.

Das Konzept ist inspiriert von der Natur: Nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo 1991 sanken die globalen Temperaturen für knapp zwei Jahre um etwa 0,5 °C – verursacht durch Schwefeldioxidwolken, die das Sonnenlicht streuten. SAI will diesen Effekt technisch nachahmen, um den Klimawandel zu bremsen.

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So funktioniert SAI

So funktioniert SAI

Die Partikel – meist Sulfataerosole, neuerdings auch Calciumcarbonat oder andere reflektierende Materialien – werden mit speziell ausgerüsteten Flugzeugen, Ballons oder Raketen ausgebracht.

Einmal in der Stratosphäre, verteilen sie sich um den Globus und reflektieren Sonnenlicht. Der Effekt tritt schnell ein: innerhalb von Monaten kann die globale Durchschnittstemperatur um bis zu 1–2 °C gesenkt werden, je nach Einsatzmenge.

Forschungsstand 2025

Weltweit gibt es rund ein Dutzend aktiver Forschungsgruppen, die sich mit SAI befassen.

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  • Harvard University (ehemals SCoPEx) – Fokus auf Modellierung, Materialien, Governance.
  • NOAA (USA) – Stratosphärenforschung ohne Freisetzungsversuche.
  • ARIA (UK) – Ballonprojekte mit Universitäten Cambridge, Harvard und Imperial College London.
  • Internationale Modellprojekte wie CCMI und GeoMIP vergleichen verschiedene Klimamodelle unter identischen SAI-Bedingungen.

Großskalige Freiland-Experimente gibt es bislang nicht – SCoPEx wurde 2024 nach Protesten indigener Gruppen abgebrochen.

Was Simulationen zeigen

Modellrechnungen ergeben, dass SAI die Erwärmung effektiv begrenzen kann – sogar bei hohen CO₂-Werten:

  • Globale Effekte: Abkühlung um ~1,6 °C bei jährlicher Injektion von 15–16 Mio. Tonnen SO₂.
  • Regionale Unterschiede:
    • Süd-Zentralamerika & Westafrika: Mehr Regen in der Regenzeit, bessere Bodenfeuchte, höhere Erträge.
    • Süd- und Ostasien: Schwächung des Monsuns, teils weniger Niederschlag in Indien.
    • Westafrika langfristig: Anfangs bessere Regenmuster, später mehr Dürrerisiken.
  • Materialwahl: Alternativen wie Aluminiumoxid oder Kalk könnten Ozonabbau und Stratosphärenerwärmung verringern.

Kosten und Szenarien

Kosten und Szenarien

SAI gilt als technisch machbar und relativ günstig – zumindest in der Umsetzung:

Szenario Jahreskosten Besonderheiten
Flugzeugbasiert (global) 5–10 Mrd USD Spezielle Flotten nötig
Gradbezogen ~18 Mrd USD / °C Skalierbar nach Ziel
Minimaler Testeinsatz ~30 Mio USD Keine Klimawirkung

Doch diese Zahlen berücksichtigen nicht die möglichen Folgekosten durch Wetterverschiebungen, Ernteausfälle oder geopolitische Konflikte – diese könnten laut Studien im Extremfall bis zu 800 Mrd USD pro Jahr erreichen.

Das CO₂-Problem bleibt

SAI senkt Temperaturen – aber es entfernt kein CO₂ aus der Atmosphäre.
Folgen:

  • Ozeanversauerung schreitet ungebremst voran.
  • Kippelemente wie Permafrost-Tau oder Amazonas-Absterben bleiben riskant.
  • Termination Shock: Wird SAI abrupt gestoppt, steigt die Temperatur innerhalb weniger Jahre rapide – deutlich schneller als heute.

Deshalb betonen Forschende: SAI kann allenfalls ergänzend zu Emissionsreduktionen und CO₂-Entnahme eingesetzt werden.

CO₂ chemisch umwandeln – eine notwendige Ergänzung

Um das Kernproblem anzugehen, gibt es verschiedene Wege, CO₂ dauerhaft zu binden oder in Produkte umzuwandeln:

Methode Bindungsdauer Kosten (USD/t) Reifegrad
Mineralisierung Jahrtausende 10–100 Hoch
Power-to-X Kraftstoffe Monate–Jahre 200–600 Mittel
Polymere/Chemikalien Jahre–Jahrz. 50–300 Hoch
Elektrochem. Reduktion Variabel 150–500 Niedrig
Photokatalyse Variabel >300 Frühphase

Nur mit solchen Technologien lässt sich der CO₂-Gehalt wirklich senken – SAI alleine verschiebt das Problem lediglich.

Risiken und offene Fragen

  • Klimarisiken: Niederschlagsmuster ändern sich, Monsune könnten schwächer werden.
  • Ökologische Nebenwirkungen: Ozonabbau, veränderte Photosynthese durch diffuses Licht.
  • Politische Kontrolle: Wer entscheidet über Menge, Dauer und Einsatzregion?
  • Abhängigkeitseffekt: Je länger SAI läuft, desto schwieriger der Ausstieg.

Fazit

SAI könnte als „Notfallbremse“ helfen, gefährliche Klimafolgen kurzfristig zu mindern. Doch ohne gleichzeitige massive CO₂-Reduktion und -Entnahme wäre es nur ein teurer Sonnenschirm, der die Hitze kaschiert – während der Planet im Hintergrund weiter aufkocht.

Die Forschung steht vor einem Dilemma: Nicht zu forschen wäre fahrlässig – einzusetzen womöglich noch mehr.

Quellen

    1. The Verge (12.08.2024): Harvard SCoPEx‑Abbruch. Link
    2. NOAA Chemical Sciences Laboratory (24.03.2025): Stratosphärenforschung ohne Freisetzung. Link
    3. The Times (2025): ARIA‑Programme/Ballonstudien. Link
    4. Atmospheric Chemistry and Physics (2025): CCMI‑2022/GeoMIP‑Vergleiche. Link
    5. Atmospheric Chemistry and Physics (2025): ARISE‑SAI‑1.5‑Szenarien. Link
    6. Frontiers in Climate (2025): Regionale Effekte (Globaler Süden). Link
    7. Nature Climate and Atmospheric Science (2024): Monsun‑Antwort auf SAI. Link
    8. Climatic Change (2020): Kosten bis 2100 (Smith & Wagner). Link
    9. Belfer Center (2012): Taktik & Kosten der ersten 15 Jahre. Link
    10. Wikipedia (abgerufen Aug 2025): Stratospheric aerosol injection. Link
    11. Climeworks: Direct Air Capture. Link
    12. Carbfix: CO₂‑Mineralisierung in Basalt. Link
    13. Carbon Recycling International: CO₂→Methanol. Link
    14. Covestro: CO₂‑basierte Polymere. Link
    15. Time (2023): Climate Overshoot Commission / Governance. Link
    16. Geoengineering Monitor (2024): SAI‑Risiken & Kritik. Link
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