E-Zigaretten gegen Alzheimer

Nikotin als Medikament

E-Zigaretten gegen Alzheimer?

Während es erstaunlich wenig Studien zu den Gesundheitsrisiken von purem, inhaliertem Nikotin gibt, wurde in den letzten dreißig Jahren relativ intensiv zur Wirkung von Nikotin auf kognitive Prozesse geforscht. Auslöser für diese Forschungsrichtung war die Beobachtung vieler Raucher, dass sie nach dem Konsum von Tabakzigaretten insgesamt klarer und fokussierter denken und mentale Aufgaben und Problemlösungen schneller zu durchlaufen scheinen. Gleichzeitig gehört eine Verschlechterung der kognitiven Performance zu den sofort einsetzenden Symptomen, die mit der Tabakentwöhnung einhergehen.

Tatsächlich hat sich bei entsprechenden, klinischen Untersuchungen herausgestellt, dass Nikotin die Aufmerksamkeit und die Problemlösungsgeschwindigkeit erhöht. Dabei geht es aber in so gut wie allen Studien nur um die Geschwindigkeit und Konzentration, mit der eine Aufgabe gelöst wird – nicht um die Korrektheit der Ergebnisse.

Ob Nikotin auch die Fähigkeit unterstützt, sich auf im Gedächtnis gespeichertes Wissen und vorhandene Erinnerungen zu beziehen, ist nicht ganz klar – hier sind verschiedenen Studien zu verschiedenen Ergebnissen gekommen. Ein Problem hierbei ist auch, dass ebenfalls durchgeführte Untersuchungen zum Tabakkonsum festgestellt haben, dass das kontinuierliches Rauchen von Tabakzigaretten die Gedächtnisfunktionen und die nachhaltige Verarbeitung komplexer Informationen grundsätzlich verschlechtert. Die Wahrscheinlichkeit liegt allerdings nahe, dass dieser Effekt nicht auf konstanten Nikotinkonsum zurückzuführen ist, sondern auf die Wechselwirkung der Tausenden von verbrannten Zusatzstoffen in Tabakzigaretten mit dem Gehirn.

Kann reines Nikotin kognitive Prozesse optimieren?

Interessant wäre es also, die Kurz- und Langzeitwirkung von pur inhaliertem Nikotindampf, wie bei E-Zigaretten der Fall, auf mentale Leistungsfähigkeit zu testen. Hier geht es nicht nur um die Frage, ob Dampfer Kreuzworträtsel schneller lösen oder dem Berufsstress resilienter gegenüberstehen. Viel grundsätzlicher ist die Frage, ob Nikotin als Therapieform bei krankhaft reduzierter, kognitiver Leistung eingesetzt werden könnte. Diese Frage gewinnt im Anbetracht der Überalterung unserer Gesellschaft und den damit zunehmenden Fällen von Altersdemenz, also Alzheimer etc., an ziemlicher Brisanz. Noch gibt es für Alzheimer keine Heilung. Alle Therapieformen zielen darauf ab, den degenerativen Verlauf zu verlangsamen und die kognitiven Verfallssymptome zu dämpfen.

Dampfen – sollte es sich nicht nur als gesundheitlich risikolos darstelle, sondern auch noch als neurophysiologisch positiv wirksam – wäre in meinen Augen ein wunderbares Genussmittel für Menschen, die aufgrund sonstiger Einschränkung an vielen andere Vergnügungen nicht mehr teilnehmen können. Natürlich soll damit keine gesundheitsbeeinträchtigende Sucht geschaffen werden, wo jemand zuvor niemals mit dem Nervengift in Berührung gekommen ist. Tatsache ist aber auch, dass Beschäftigungstherapie und die Generierung von positiven Erlebnissen und Erfahrungen ganz oben auf der Liste der effektiven Linderungsmöglichkeiten der für den Patienten erschreckenden Krankheitserfahrung des eigenen geistigen Verfalls steht. Diese verhaltenspsychologischen Erwägungen allerdings tauchen in der Literatur bisher nirgendwo auf.

Studie zeigt die positiven Effekte von Nikotinvergabe per Pflaster

Tatsächlich aber gibt es erste medizinisch fundierte Anzeichen, dass Nikotin tatsächlich eine Therapieoption darstellen könnte. Anfang 2012 wurde in der amerikanischen Fachzeitschrift Neurology eine (Doppelblind-)Studie vorgestellt. Leichte kognitive Störungen wurden dabei versuchsweise mit der Gabe von Nikotin per Pflaster (15 mg/Tag) behandelt. Durchgeführt wurde die Untersuchung am Center for Cognitive Medicine in Burlington (USA). Die Studie lief über sechs Monate und wurde an 67 Nichtrauchern mit leichten kognitiven Störungen durchgeführt. Dabei muss einschränkend gesagt werden, dass die behandelten, leichten kognitiven Beeinträchtigungen zwar bereits über das normale altersbedingte Maß hinausgingen, aber noch nicht Demenz genannt werden konnten.

Es stellte sich heraus, dass die Gabe von Nikotin sich nachweislich positiv auf die psychomotorische Kompetenz, die Gedächtnisleistung und die Aufmerksamkeitsspanne der Probanden auswirkte. Das Nikotinpflaster wurde gut vertragen, auch wenn sich der systolische Blutdruck einiger Teilnehmer leicht verringerte und andere ein wenig an Gewicht verloren (was in vielen Fälle nicht negativ sein muss, aber bei sowieso schon an Appetitlosigkeit leidenden älteren Menschen zum Problem werden könnte). Interessanterweise wurde bei keinem Teilnehmer nach den sechs Monaten eine entstehende Nikotinabhängigkeit beobachtet.

Weitere Untersuchungen sind dringend nötig

Hierbei handelte es sich um eine sogenannte Humanstudie. Diese liefert nicht genug signifikante Daten für einen Therapieansatz, sollte aber als Sprungbrett dienen, um den Effekt von reinem Nikotin auf die Rezeptoren von dementiell erkrankten Menschen intensiv weiter zu erforschen. Vor allem die molekulare Wechselwirkung von Nikotin und Amyloidplaques (die für Alzheimer verantwortlichen, Nervenzellen schädigenden Eiweißabfallstoffe) muss unbedingt untersucht werden.

Alzheimer-Aktivisten waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Ergebnisse eher skeptisch. Sie stellten nicht die positive Kurzzeitwirkung selbst in Frage, wiesen aber auf die wahrscheinlichen negativen Langzeitwirkungen von regelmäßiger Nikotinabgabe und das damit verbundene Suchtpotenzial hin – die allerdings, wie Dampfer wissen, längst nicht uneingeschränkt nachgewiesen sind. Hinzu kommt ein vielleicht morbider, aber pragmatischer Gedanke: Bis dato ist Alzheimer unheilbar und geht mit einer absehbaren Lebenserwartung einher. Es bleibt der Entscheidung der Patienten überlasse, diese Zeit angenehmer und mit einer leichten Abhängigkeit zu überstehen, oder clean und mit verstärkter kognitiver Leistungsschwäche.

Weiterführende Links
Nicotine treatment of mild cognitive impairment
Vanderbilf Center for cognitive Medicine
Nikotin als Therapieoption bei Alzheimer?
Profil M.D. Paul Newhouse
Weitere Themen
FDA 270 Mio für die Erforschung von Nikotinkonsum
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Atemwegserkrankungen bei Rauchern
Die Abhängigkeit von Tabak und Nikotin

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