Der CDU-Wirtschaftsrat und die Energiewende: Richtige Diagnose, falsche Therapie
Der CDU-Wirtschaftsrat Nordrhein-Westfalen hat einen Forderungskatalog vorgelegt, der in der energiepolitischen Debatte für Aufsehen sorgt. Die Sorgen der Unternehmen sind dabei durchaus berechtigt – doch die vorgeschlagenen Lösungen widersprechen sich selbst, ignorieren physikalische Grundgesetze und rütteln an rechtsgültigen Verträgen. Eine Einordnung.
Die legitimen Klagen
Zunächst das Faire: Der Wirtschaftsrat benennt reale Probleme. Deutsche Industriebetriebe zahlen 2024/25 rund 17 bis 20 Cent pro Kilowattstunde – mehr als doppelt so viel wie Unternehmen in den USA, und deutlich mehr als in Frankreich. Die Belastung durch Netzentgelte, Stromsteuer und die jahrelange EEG-Umlage ist historisch gewachsen und kurzfristig kaum auflösbar. Auch die Flexibilitätsprobleme im Stromnetz sind real: An wind- und sonnenreichen Tagen im Frühjahr und Herbst gibt es tatsächlich Überproduktion, negative Börsenstrompreise und Einspeisebeschränkungen. Wer diese Probleme benennt, liegt nicht falsch.
Die Frage ist, was man daraus ableitet.
Falsche Therapie I: Ausbauziele senken
Der Wirtschaftsrat fordert, die Ausbauziele für erneuerbare Energien kurzfristig abzusenken – mit dem Argument, Überversorgung im Sommer verursache hohe Systemkosten. Das klingt zunächst plausibel, ist aber bei näherer Betrachtung kontraproduktiv.
Deutschland liegt beim Windkraftausbau an Land bereits erheblich hinter dem Plan: 68,1 Gigawatt installierter Leistung stehen einem gesetzlichen Ziel von 76,5 Gigawatt gegenüber. Wer in dieser Situation die Ziele absenkt, löst kein Flexibilitätsproblem – er schiebt es nur weiter auf und gefährdet gleichzeitig das übergeordnete Ziel, bis 2030 mindestens 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen.
Die Internationale Energieagentur empfiehlt in ihrer aktuellen Deutschlandstudie das genaue Gegenteil: Das Ausbautempo müsse beibehalten oder gesteigert werden, flankiert von massiven Investitionen in Speicher und intelligente Netze. Das ist die wissenschaftlich konsistente Antwort auf Flexibilitätsprobleme – nicht der Rückzug aus dem Ausbau.
Falsche Therapie II: Die Wärmepumpen-Logik kollabiert
Besonders auffällig ist die Argumentation gegen Wärmepumpen. Der Wirtschaftsrat warnt, eine flächendeckende Elektrifizierung der Heizungen würde den Strombedarf im Winter massiv erhöhen – einem ohnehin knappen Gut. Die Schlussfolgerung: Wärmepumpen sollten nicht einseitig gefördert werden.
Das ist ein physikalischer Widerspruch in sich. Eine Wärmepumpe erzeugt aus einer einzigen Kilowattstunde Strom drei bis vier Kilowattstunden Wärme. Die vom Wirtschaftsrat präferierten Alternativen – Wasserstoff oder synthetische Gase – benötigen für exakt dieselbe Heizleistung ein Vielfaches an erneuerbarem Strom allein in der Herstellung. Wer also Stromknappheit im Winter fürchtet, muss die Wärmepumpe befürworten, nicht ablehnen. Sie ist das effizienteste Instrument, das die begrenzte Winterstromproduktion am sparsamsten einsetzt.
Praxisdaten des Fraunhofer ISE für das Jahr 2024 untermauern das: Wärmepumpen in Bestandsgebäuden verursachten im Schnitt rund 64 Prozent weniger CO₂ als vergleichbare Gasheizungen – selbst unter Berücksichtigung des tatsächlichen Strommixes.
Falsche Therapie III: Braunkohle als Sicherheitsanker
Das Papier fordert, den für 2030 vereinbarten Braunkohleausstieg im rheinischen Revier im laufenden Jahr zu überprüfen. Begründet wird das mit einer drohenden Versorgungslücke.
Zwei Einwände dagegen: Erstens ist das 2030-Datum kein politisches Wunschziel, sondern ein rechtsverbindlicher Vertrag zwischen Bundesregierung, dem Land Nordrhein-Westfalen und dem Energiekonzern RWE – geschlossen Ende 2022. Ihn anzutasten erzeugt vor allem eines: Investitionsunsicherheit. Unternehmen, die auf der Grundlage dieses Vertrags Planungen vorgenommen haben, würden damit unmittelbar geschädigt.
Zweitens ist die Versorgungssicherheit in Deutschland objektiv gemessen nicht so gefährdet, wie das Papier suggeriert. Die Bundesnetzagentur belegt: Die durchschnittliche Stromunterbrechung je Verbraucher lag 2024 bei 11,7 Minuten – das ist einer der niedrigsten Werte in ganz Europa. Versorgungsengpässe gab es zuletzt öfter aus wirtschaftlichen als aus kapazitätsbedingten Gründen.
Falsche Therapie IV: Das Subventionsparadox
Der wohl auffälligste Widerspruch im Forderungskatalog findet sich beim Thema Subventionen. Einerseits fordert der Wirtschaftsrat, staatliche Förderungen mittelfristig zu reduzieren und technologiespezifische Unterstützung auf das Nötigste zu begrenzen. Andererseits verlangt er zur kurzfristigen Entlastung einen Industriestrompreis, die Freistellung von CO₂-Kosten und umfassende staatliche Unterstützungsmaßnahmen.
Das ist keine konservative Wirtschaftspolitik, das ist selektiver Interventionismus: Subventionen, die der eigenen Branche nützen, sollen kommen. Jene, die den Umbau des Energiesystems beschleunigen, sollen gekürzt werden.
Das Frankreich-Argument und seine Tücken
Im Hintergrund vieler wirtschaftsratsnaher Argumente steht ein Verweis auf Frankreich als Gegenmodell: günstiger Atomstrom, niedrige Industriepreise, keine Ideologie. Doch dieser Vergleich hält einer näheren Betrachtung nicht stand.
Frankreichs staatseigener Versorger EDF hat über Jahrzehnte Verluste gemacht und stand kurz vor dem Zusammenbruch, bevor der Staat 2023 für Milliarden einspringen und den Konzern vollständig verstaatlichen musste. Die scheinbar günstigen Preise waren keine Markteffizienz, sondern versteckte Staatssubventionen – finanziert auf Pump. Der neue EPR-Reaktor in Flamanville kostet nicht die ursprünglich veranschlagten 3,3 Milliarden Euro, sondern laut französischem Rechnungshof 23,7 Milliarden – das Siebenfache. Frankreich hat heute nach Griechenland und Italien die dritthöchste Schuldenquote in der EU. Dieses Modell ist kein Vorbild, es ist eine Warnung.
Was tatsächlich helfen würde
Die Diagnosen des Wirtschaftsrats – hohe Kosten, Flexibilitätsdefizite, Wettbewerbsdruck – sind korrekt. Die Therapie muss aber konsequent in die andere Richtung gehen: mehr Speicherkapazitäten, beschleunigter Netzausbau, intelligente Lasteuerung und ein entschlossener Ausbau erneuerbarer Energien, der langfristig zu sinkenden Grenzkosten führt. Erneuerbare haben – einmal gebaut – nahezu keine Brennstoffkosten. Jede Kilowattstunde Wind und Solar, die in Deutschland nicht gebaut wird, muss irgendwann teuer importiert oder fossil erzeugt werden.
Fazit
Der CDU-Wirtschaftsrat formuliert berechtigte industriepolitische Sorgen und verdient dafür Gehör. Doch wer die Lösung für hohe Energiepreise darin sucht, den Ausbau der günstigsten Stromerzeugungstechnologien zu bremsen, Verträge aufzukündigen und die effizienteste Heiztechnik zu diskreditieren, arbeitet gegen die Interessen der Industrie, die er zu vertreten behauptet. Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen – und Versuche, es dennoch zu tun, kosten Zeit und Geld, die Deutschland gerade nicht hat.
Quellen: Fraunhofer ISE (energy-charts.info, 2025); IEA Energy Policy Review Germany 2025; Bundesnetzagentur Monitoringbericht 2024; Umweltbundesamt; Cour des Comptes (Frankreich); EDF-Geschäftsberichte









