Der bedrohte Titicacasee: Indigene Gemeinschaften im Kampf um Umwelt, Identität und Zukunft
Ein Naturwunder in der Krise
Der Titicacasee, mit über 8.500 Quadratkilometern der größte Süßwassersee Südamerikas, liegt auf über 3.800 Metern Höhe in den Anden und wird von Peru und Bolivien geteilt. Er gilt als das höchstgelegene kommerziell schiffbare Gewässer der Welt. Seine kulturelle und spirituelle Bedeutung reicht bis zu den Inka und ihren Vorgängerkulturen zurück. Heute jedoch steht dieses Naturwunder vor einer existenziellen Bedrohung: Verschmutzung, Klimawandel, Überfischung und politische Untätigkeit setzen dem See und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern schwer zu.
Veränderte Naturzyklen und sinkende Wasserstände
Die Aymara, Kichwa und Uro, die an den Ufern des Sees leben, beobachten drastische Veränderungen: Kürzere Regenzeiten, austrocknende Ufer, verendete Fische und steigende Temperaturen. Flüsse wie der Huancané, Ilave oder Coata sind durch Schwermetalle und Abwässer hoch belastet. Gleichzeitig sinkt der Wasserpegel infolge schmelzender Gletscher und mangelnder Niederschläge. In einst wasserreichen Gebieten wie der Bucht von Cohana weiden heute Kühe auf ausgetrocknetem Boden.
Eutrophierung und Artensterben
Forscher warnen vor der rasanten Eutrophierung des Sees – einem Prozess, bei dem Nährstoffüberschuss übermäßiges Algenwachstum verursacht. Diese Entwicklung, die normalerweise Jahrhunderte dauert, wird hier durch ungeklärte Abwässer seit den 1990er-Jahren massiv beschleunigt. Sichtbare Folgen sind trübes Wasser, Sauerstoffmangel und das Verschwinden vieler Fischarten. Auch Mikroalgen breiten sich aus, beeinträchtigen die Wasserqualität und führen zu Hautkrankheiten bei der Bevölkerung.
Die Urus – Leben auf schwimmenden Inseln
Die Urus leben seit Jahrhunderten auf künstlichen Inseln aus Totora-Schilf. Doch ihre Existenzform ist bedroht. Die Schilfpflanzen wachsen schlechter, die Dächer ihrer Häuser halten nicht mehr ein Jahr, sondern nur noch wenige Monate. Ihre traditionelle Nahrung, das Schilfinnere „chullo“, ist kleiner und bitter geworden. Sonnenbrand, Ausschläge und andere gesundheitliche Beschwerden nehmen zu.
Die Fischerei ist wegen Wasserverschmutzung und Artensterben kaum noch möglich. Stattdessen sind die Urus auf den Tourismus angewiesen. Doch auch dieser bringt Herausforderungen mit sich. Auf den Inseln leben vor allem ältere Menschen; viele Jüngere ziehen aufs Festland. Früher gab es 70 Inseln, heute über 200 – Streitigkeiten führten dazu, dass Inseln buchstäblich zerschnitten wurden. Trotz dieser Belastungen pflegen die Urus weiterhin kollektive Entscheidungsprozesse, wie wissenschaftliche Studien bestätigen.
Widerstand durch kollektives Engagement
Viele indigene Gemeinschaften ergreifen Eigeninitiative: Sie organisieren Müllsammlungen, recyceln Plastikflaschen, bauen aus ihnen Flöße und setzen sich für Umweltschutzmaßnahmen ein. Auf den Inseln entstehen kleine Fischzuchten, um die Ernährung zu sichern. In anderen Regionen werden Schulungen durchgeführt, um Wasserproben zu analysieren und ökologische Bildung zu fördern. Auch spirituelle Rituale zur Ehrung des Wassers und der Erde bleiben lebendig.
Naturbasierte Lösungen und politische Hürden
Wissenschaftler arbeiten an innovativen Ansätzen wie Phytoremediation durch Totora-Pflanzen und künstliche Feuchtgebiete. Erste Pilotprojekte zeigen Erfolg, doch die Umsetzung in größerem Maßstab wird durch soziale und politische Widerstände gebremst. Gleichzeitig fordern Aktivistinnen und Aktivisten auf beiden Seiten der Grenze eine rechtliche Anerkennung des Sees als schützenswertes Wesen – mit eigenen Rechten.
Ein Ruf nach Veränderung
Der Titicacasee ist ein Spiegel für viele globale Herausforderungen: Der Umgang mit Wasser, der Schutz indigener Kulturen, das Scheitern von Umweltpolitik – und zugleich die Stärke lokaler Initiativen. Trotz aller Schwierigkeiten geben viele Bewohnerinnen und Bewohner nicht auf. Für sie ist der See mehr als nur Wasser: Er ist Lebensquelle, Geschichte und spirituelle Heimat. Ihr Engagement zeigt: Die Zukunft des Titicacasees ist nicht verloren – wenn gehandelt wird.