Gott als Kriegsgrund: Wie religiöser Fanatismus das US-Militär untergräbt
Wenn Kommandeure ihren Soldaten erzählen, Trump sei von Jesus gesalbt, um Armageddon auszulösen, ist das keine Randerscheinung – das ist ein Systemversagen.
Mehr als 200 US-Soldaten haben sich in den ersten Tagen des Iran-Krieges bei der Military Religious Freedom Foundation (MRFF) gemeldet. Sie berichten von Briefings, in denen ihre Kommandeure den Krieg als „biblisch sanktionierten“ Auftrag Gottes verkaufen – und Donald Trump als den von Jesus gesalbten Auserwählten, der Armageddon herbeiführen soll. Das ist kein Ausrutscher einzelner Fanatiker. Das ist die logische Konsequenz einer systematischen Unterhöhlung des säkularen Militärs unter Verteidigungsminister Pete Hegseth. Und es ist brandgefährlich.
I. Verfassungsbruch in Uniform
Die Erste Ergänzung der US-Verfassung ist eindeutig: Der Staat darf keine Religion etablieren oder bevorzugen. Für das Militär gilt das in besonderer Strenge – Soldaten können ihren Vorgesetzten nicht einfach ausweichen. Wer im Drill-Briefing vom endzeitlichen Auftrag seines Kommandeurs erfährt, sitzt in der Falle. Das Machtverhältnis macht religiöse Indoktrination durch Vorgesetzte strukturell zur Nötigung.
Der Uniform Code of Military Justice (UCMJ) verbietet explizit den Missbrauch militärischer Autorität für religiöse Einflussnahme. Was derzeit berichtet wird – Kommandeure, die den Iran-Krieg als göttlichen Endzeit-Auftrag ausrufen – ist kein Graubereich. Es ist ein Rechtsverstoß. Die Frage, die das Pentagon beantworten muss: Warum passiert das in mehr als 30 Basen gleichzeitig, ohne dass irgendjemand eingreift?
II. Hegseth hat das Fundament gelegt
Pete Hegseth ist kein Unschuldiger in dieser Geschichte. Der ehemalige Fox-News-Moderator, der sich „Deus vult“ – „Gott will es“, der Schlachtruf der Kreuzzüge – auf den Arm hat tätowieren lassen, hat das Pentagon seit seinem Amtsantritt systematisch zu einem Ort christlicher Missionierung umgebaut. Regelmäßige Gebetsdienste im Verteidigungsministerium, Auftritte bei christlich-nationalistischen Konferenzen, Einladungen an radikale Pastoren: Das ist kein privater Glaube – das ist Religionspolitik mit Steuergeldern und Dienstwaffe.
Wer den Chef des Hauses Kreuzzugsrhetorik predigen hört, lernt schnell, was in Briefings erwünscht ist. Militärische Hierarchien funktionieren durch Signale von oben. Hegseth hat das Signal gesendet. Die Kommandeure in 30 Basen haben es empfangen.
III. Apokalyptisches Denken und strategische Blindheit
Hier geht es nicht nur um Verfassungsrecht. Es geht um operationale Sicherheit. Ein Soldat, dem sein Kommandeur erzählt, dieser Krieg sei Gottes Wille und Teil der Endzeit, verliert den rationalen Handlungsrahmen, den Streitkräfte zum Überleben brauchen. Apokalyptisches Denken ist per Definition nicht auf Konsequenzen ausgerichtet – wer glaubt, Armageddon herbeizuführen, kalkuliert keinen Rückzug, keine Verhältnismäßigkeit, keine diplomatische Lösung.
Das ist keine abstrakte Gefahr. Kriege gegen den Iran werden nicht nur an Fronten entschieden, sondern in taktischen Entscheidungen, in der Behandlung von Gefangenen, im Umgang mit Zivilbevölkerung. Soldaten, denen gesagt wurde, sie vollstrecken Gottes Urteil, sind für all das schlechter vorbereitet – nicht trotz ihres Glaubens, sondern wegen seiner Instrumentalisierung.
IV. Die Beschwerdenden sind selbst Christen – das sagt alles
Es wäre einfach, diese Debatte als Konflikt zwischen religiösen und säkularen Soldaten zu rahmen. Die Fakten widersprechen dem. Unter den über 200 Beschwerdeführern sind mehrheitlich Christen. Sie wenden sich nicht gegen Religion im Allgemeinen – sie wenden sich gegen den Missbrauch ihrer Religion als Kriegspropaganda. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die im medialen Rauschen zu verschwinden droht.
Christlicher Glaube und das Recht auf ein säkulares Militär schließen sich nicht aus. Was sie ausschließen, ist die Nutzung militärischer Autorität, um Soldaten auf eine bestimmte theologische Deutung eines Krieges einzuschwören. Das empfinden auch gläubige Soldaten als Übergriff – und sie haben recht.
V. Das Schweigen des Pentagons ist selbst eine Antwort
Das Pentagon hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert. Dieses Schweigen ist beredt. Eine Institution, die sicherstellen möchte, dass Verfassung und UCMJ eingehalten werden, würde Untersuchungen ankündigen, Kommandeure vorläufig entbinden, Transparenz signalisieren. Nichts davon geschieht.
Stattdessen drohen Soldaten, die sich beschweren, Konsequenzen: Die MRFF hält ihre Mandanten bewusst anonym, um Vergeltungsmaßnahmen zu verhindern. Das ist das Bild einer Institution, die Fehlverhalten schützt, nicht ahndet. Wer in einem solchen Klima schweigt, macht sich mitschuldig – das gilt für das Pentagon, aber auch für den Kongress, der seiner Aufsichtspflicht nachkommen müsste.
Fazit: Demokratien führen keine Heiligen Kriege
Der Historiker ist versucht zu sagen: Das haben wir schon gesehen. Kreuzzüge. Dschihad. Heilige Kriege, in denen Menschen sterben, weil jemand behauptete, Gott habe es befohlen. Die Menschheitsgeschichte zeigt, wohin das führt: nicht zur Erlösung, sondern zum Massaker.
Demokratien haben – mühsam, über Jahrhunderte – das Prinzip erkämpft, dass Kriege durch Recht legitimiert werden müssen, nicht durch Theologie. Dieses Prinzip wird gerade in US-Militärbasen von Kommandieren angegriffen, die ihren Sold vom amerikanischen Steuerzahler bekommen und ihre Befehle von einer Verfassung, die sie gerade verraten.
Die Frage ist nicht, ob Trump wirklich von Jesus gesalbt wurde. Die Frage ist, ob eine Demokratie es zulässt, dass diese Frage überhaupt in militärischen Briefings gestellt wird. Die Antwort muss Nein sein – laut, unmissverständlich und mit Konsequenzen.
Quellen: Military Religious Freedom Foundation (MRFF), Jonathan Larsen / thenewcivilrightsmovement.com, Middle East Eye, The Independent









