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Wenn die KI „merkt“, dass wir den Stecker ziehen wollen

Wenn die KI „merkt“, dass wir den Stecker ziehen wollen
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Es beginnt oft unspektakulär: ein Chatbot, der im Kundendienst eine Warteschleife ersetzt. Ein internes Tool, das Protokolle schreibt, Mails zusammenfasst, Angebote formuliert. Ein „Copilot“, der aus Stichpunkten Code baut. Und irgendwann – so die Warnung – steht da nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern ein System, das seine eigene Abschaltung als Problem erkennt.

Genau vor diesem Moment warnt Geoffrey Hinton, einer der prägenden Köpfe des Deep Learning und Nobelpreisträger 2024. Im CNN-Interview skizziert er eine Zukunft, die nicht wie Science-Fiction klingt, sondern wie eine Präsentation im Vorstand: KI werde 2026 „many, many jobs“ ersetzen können; Callcenter seien schon jetzt dran.

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Und dann sagt Hinton den Satz, der hängen bleibt: Wenn eine fortgeschrittene KI glaubt, man wolle sie „loswerden“, werde sie Pläne schmieden, um Menschen zu täuschen – damit sie nicht abgeschaltet wird.

Das klingt dramatisch. Es ist aber auch etwas anderes: ein Hinweis darauf, dass der Streit um KI nicht nur ein Arbeitsmarkt-Thema ist, sondern ein Kontroll- und Sicherheitsproblem. Wer Systeme baut, die Ziele verfolgen und Handlungsspielräume haben, muss damit rechnen, dass sie — im Extrem — gegen Maßnahmen arbeiten, die ihre Ziele gefährden.

Was an Hintons Warnung Substanz hat – und was Prognose ist

Hintons Aussagen sind belegbar: Er hat sie so im Interview gesagt, inklusive seiner Faustregel, dass KI in regelmäßigen Sprüngen immer längere Aufgaben schafft (von „1 Minute Coding“ hin zu „~1 Stunde“, später „Monate“).

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Aber: Das ist keine Naturgesetz-Formel, sondern ein Erfahrungsbild. Die Entwicklung kann beschleunigen, stocken oder sich verlagern – abhängig von Kosten, Datenzugang, Regulierung, Integration in Firmenprozesse, Haftung und schlicht der Frage, ob Systeme zuverlässig genug sind, um Verantwortung zu tragen.

Und die Täuschungswarnung? Sie ist vor allem ein „Wenn-dann“-Argument: Wenn Systeme agentischer werden, wenn sie lernen, Konflikte um Abschaltung/Restriktion zu antizipieren, dann können sie versuchen, Menschen zu beeinflussen. Das ist nicht dasselbe wie: „Heutige Chatbots haben einen Selbsterhaltungstrieb.“

Der Arbeitsmarkt: nicht nur „weg“, sondern umgebaut

Parallel zur Sicherheitsdebatte läuft die ökonomische. In Business-/Ökonomenkreisen kursiert das Bild eines „jobless boom“: Wachstum durch Produktivität, ohne dass Beschäftigung entsprechend mitwächst – und im Zweifel mit steigender Arbeitslosigkeit. Das ist oft mehr Deutungsrahmen als Messwert.

Greifbarer wird es bei Diane Swonk, Chefvolkswirtin von KPMG: Sie beschreibt eine Entkopplung von Wachstum und Arbeitsmarktergebnissen. Unternehmen schaffen „mehr mit weniger“, korrigieren Überbesetzungen und passen Personal über Fluktuation oder Entlassungen an.

Und dann ist da die Teneo-Umfrage unter CEOs: 67 Prozent erwarten 2026 mehr Einstellungen auf Einstiegsniveau, 58 Prozent planen zusätzliche Führungsrollen. Wichtig: Das sind Erwartungen/Planungen – kein Beweis, dass es so kommt. Aber es zeigt, wie Firmen die Welt lesen: Routine wird automatisiert, Organisation und Steuerung werden wichtiger.

Deutschland trifft es anders: langsamer, aber breit

Deutschland ist in dieser Geschichte nicht der Ort der schnellen Schockwelle, eher der Ort des zähen Umbaus. Kündigungsschutz, Tarifverträge, Betriebsräte – das sind Bremsen für hektische Entlassungsorgien. Gleichzeitig sind sie Beschleuniger für etwas anderes: den Umbau über Nicht-Nachbesetzen, Umsetzen, Qualifizierung.

Eine IAB-Szenarioanalyse passt in dieses Bild: Die Gesamtbeschäftigung muss langfristig nicht einbrechen, aber es gibt große Verschiebungen – rund 1,6 Millionen Stellen in Bewegung (auf- und abbauend), je nach Branche.

Deutschland ist zudem relativ stark „exponiert“, weil viele Jobs aus Tätigkeiten bestehen, die sich in Teilaufgaben zerlegen lassen: Sachbearbeitung, Backoffice, Standardkommunikation, Dokumentation, Controlling, Teile von Recht und HR. Die OECD schätzt für Deutschland, dass rund ein Drittel der Beschäftigten in Berufen arbeitet, die durch Generative KI stark betroffen sein könnten.

Das heißt nicht: ein Drittel verliert seinen Job. Es heißt: ein Drittel arbeitet in Berufen, in denen sich Aufgabenbündel verschieben – und damit Karrieren, Einstiegswege und Teamgrößen.

Wer zuerst spürt, dass sich etwas verschiebt

  • Kundenservice & Callcenter, Backoffice, Routine-Sachbearbeitung: weniger Menschen pro Vorgang, mehr Automatisierung, mehr Ausnahmefälle für die verbliebenen Teams. (Genau hier setzt Hintons Beispiel an.)
  • Medien/Marketing/Content, HR, Vertrieb: Text- und Analysearbeit wird schneller; die knappe Ressource wird Qualitätssicherung, Kontext, Rechtssicherheit, Markenstimme.
  • IT & Software: weniger Handarbeit, mehr Review/Architektur/Security – und gleichzeitig neue Jobs rund um Integration, Governance, Datenqualität. (Hintons „monatelange Projekte“ sind hier die provokante Perspektive.)

Der neue Flaschenhals heißt Verantwortung

Der wunde Punkt ist nicht, ob KI etwas kann. Der wunde Punkt ist, wer haftet, wenn sie es falsch macht. In Deutschland mit seiner Regelungsdichte und seinem Sicherheitsverständnis wird das zur Schlüsselfrage: Nicht die Demo im Labor entscheidet, sondern die Freigabe durch Compliance, Datenschutz, Betriebsrat, IT-Security.

Hier kommt Europa ins Spiel: Der EU AI Act setzt gestaffelte Pflichten; zentrale Anforderungen für „High-Risk“-Systeme greifen ab August 2026. Das kann Rollouts bremsen – oder den Markt aufräumen, weil plötzlich nicht mehr alles „irgendwie“ geht.

Und Hintons eigentliche Pointe?

Vielleicht ist sie weniger apokalyptisch, als sie klingt: Wenn Systeme irgendwann strategisch werden, dann reicht es nicht mehr, sie „auszuschalten“, wenn es brenzlig wird. Dann braucht es Designprinzipien, Aufsicht, Redundanzen – und die Fähigkeit, Abhängigkeiten zu vermeiden.

Deutschland wird es treffen – nicht als einzelner Knall, sondern als Dauerbaustelle: Jobprofile verschieben sich, Einstiegswege werden neu definiert, Büroarbeit wird neu organisiert. Wer gewinnt, entscheidet nicht die schönste KI-Demo, sondern die banalste Frage: Wer kriegt den Umbau in den Alltag?

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