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Schadstoffe aus Fassaden belasten Gewässer – biozidfreie Alternativen müssen nicht teurer sein

Schadstoffe aus Fassaden belasten Gewässer – biozidfreie Alternativen müssen nicht teurer sein

Regenwasser kann Schadstoffe aus Fassadenfarben, Putzen und Dachabdichtungen lösen und in Flüsse, Seen sowie ins Grundwasser transportieren. Eine neue Initiative unter Beteiligung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) will diese Belastung verringern. Untersuchungen zeigen, dass biozidfreie Baumaterialien bereits verfügbar sind. Auch die Mehrkosten fallen nicht zwangsläufig hoch aus.

Wie Baumaterialien das Wasser belasten

Viele Fassadenfarben und Außenputze enthalten Biozide, die das Wachstum von Algen und Pilzen verhindern sollen. Bei Regen können diese Wirkstoffe ausgewaschen werden. Über die Gebäudeentwässerung gelangen sie in die Kanalisation, in Oberflächengewässer oder über Versickerungsanlagen in den Boden.

Zu den untersuchten Stoffen gehören Diuron und Terbutryn, die als Schutzmittel in Fassadenbeschichtungen eingesetzt werden. Auch Dachabdichtungen können Schadstoffe freisetzen. Dazu zählen beispielsweise Mecoprop und MCPA, die unter anderem als Durchwurzelungsschutz in bestimmten Dachbahnen verwendet werden.

Dass es sich nicht nur um ein theoretisches Umweltproblem handelt, zeigen Untersuchungen des Umweltbundesamtes (UBA). In zwei Berliner Neubaugebieten wurden verschiedene Schadstoffe im abfließenden Regenwasser nachgewiesen.

Im Fassadenabfluss wurden bei den Untersuchungen Diuron-Konzentrationen von rund 1.000 Mikrogramm pro Liter gemessen. Das entspricht einem Milligramm pro Liter. Der Wert stammt aus einem konkreten Untersuchungsgebiet und ist nicht repräsentativ für sämtliche Gebäude.

Die Forschenden stellten außerdem fest, dass insbesondere Mecoprop aus Dachmaterialien erhebliche Stofffrachten im Regenwasser verursachen kann.

Für Gewässerorganismen können bestimmte Biozide bereits in niedrigen Konzentrationen problematisch sein. Welche Auswirkungen tatsächlich entstehen, hängt vom jeweiligen Wirkstoff, seiner Konzentration und der Dauer der Belastung ab.

Zwölf Organisationen wollen Schadstoffeinträge reduzieren

Am 22. Oktober 2026 stellte das Fraunhofer ISI eine neue Initiative für biozidarme Baumaterialien vor. Zwölf Verbände, Stiftungen und Organisationen haben sich zusammengeschlossen, um das Thema stärker in Bauplanung, Weiterbildung und Öffentlichkeitsarbeit zu verankern.

Beteiligt sind unter anderem die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) sowie der Bundesverband Gebäudegrün (BuGG).

Die Initiative wurde im Rahmen des vom Umweltbundesamt geförderten Forschungsprojekts TRAFO vorbereitet. Sie steht im Zusammenhang mit der Nationalen Wasserstrategie, die unter anderem vorsieht, Schadstoffeinträge möglichst bereits an ihrer Quelle zu verringern.

Die unterzeichnenden Organisationen wollen das Thema beispielsweise in Schulungen, Projektgruppen und ihrer Öffentlichkeitsarbeit aufgreifen.

Konkrete, messbare Reduktionsziele oder bereits erreichte Verbesserungen der Wasserqualität sind bislang nicht dokumentiert. Die Initiative setzt zunächst auf freiwillige Zusammenarbeit.

Biozidfreie Farben und Putze sind bereits erhältlich

Für viele Anwendungen gibt es Alternativen zu Fassadenbeschichtungen mit chemischem Filmschutz.

Dazu gehören mineralische Putze und Silikatfarben, die durch ihre Materialeigenschaften das Wachstum von Algen und Pilzen begrenzen können. Allerdings ist nicht jede mineralische Farbe automatisch frei von Bioziden. Entscheidend ist die tatsächliche Produktzusammensetzung.

Auch die Bauweise beeinflusst, wie stark eine Fassade durch Feuchtigkeit belastet wird. Größere Dachüberstände, geeignete Spritzwasserschutzmaßnahmen und eine Konstruktion, die ein schnelles Abtrocknen ermöglicht, können den Bedarf an chemischem Filmschutz verringern.

Ein weiterer Ansatz ist die Verkapselung von Bioziden. Dabei werden die Wirkstoffe in eine Hülle eingebettet, sodass sie langsamer freigesetzt werden. Das kann die anfängliche Auswaschung reduzieren, verhindert die Abgabe der Stoffe jedoch nicht vollständig.

Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb, nach Möglichkeit auf Fassadenprodukte ohne bioziden Filmschutz zurückzugreifen.

Sind biozidfreie Baumaterialien teurer?

Ein entscheidender Punkt für Bauherren und Immobilienbesitzer sind die Kosten. Die verfügbaren Preisbeispiele zeigen, dass biozidfreie Produkte nicht grundsätzlich wesentlich teurer sein müssen.

Bei einer Preisrecherche im Oktober 2026 kostete ein 12,5-Liter-Gebinde der Fassadenfarbe Caparol Sylitol Finish 130 ohne bioziden Filmschutz rund 120 Euro. Eine mit fungizidem und algizidem Filmschutz ausgestattete ZERO-Fassadenfarbe wurde für rund 100 Euro je 12,5 Liter angeboten.

Für ein Einfamilienhaus mit 180 Quadratmetern Fassadenfläche und einem angenommenen Farbverbrauch von insgesamt 72 Litern ergäbe sich daraus ein Materialpreis von etwa 720 Euro gegenüber 600 Euro.

Die Differenz beträgt rund 120 Euro. Dabei handelt es sich allerdings um eine vereinfachte Beispielrechnung. Die beiden Farben sind technisch nicht vollständig gleichwertig. Auch Verbrauch, Untergrund, Grundierung und Verarbeitung können unterschiedlich ausfallen.

Bei Fassadenputzen gibt es ebenfalls konkrete Kostenangaben. Für die biozidfreie AquaBalance-Technologie von Saint-Gobain Weber wurden in einer älteren Herstellerangabe Mehrkosten von etwa 200 bis 400 Euro für ein Einfamilienhaus genannt.

Diese Beträge lassen sich nicht pauschal auf sämtliche Gebäude oder Produkte übertragen. Sie zeigen aber, dass biozidfreie Fassadensysteme nicht zwangsläufig mit erheblichen zusätzlichen Materialkosten verbunden sind.

Ob sich solche Systeme langfristig auch wirtschaftlich rechnen, lässt sich derzeit nicht allgemein beantworten. Dafür wären vergleichbare Daten zu Lebensdauer, Reinigung, Wartung und Renovierungsintervallen erforderlich.

Auch Dachmaterialien müssen berücksichtigt werden

Die Diskussion über Biozide konzentriert sich häufig auf Fassadenfarben und Außenputze. Untersuchungen zeigen jedoch, dass auch Dachabdichtungen relevante Schadstoffquellen sein können.

Bestimmte Dachbahnen enthalten Wirkstoffe, die das Eindringen von Pflanzenwurzeln verhindern sollen. Werden diese Stoffe durch Regenwasser ausgewaschen, können sie über die Entwässerung in die Umwelt gelangen.

Für solche Anwendungen sind alternative Abdichtungssysteme verfügbar. Ob sie ohne umweltgefährdende Stofffreisetzung auskommen, muss jedoch anhand ihrer konkreten Materialeigenschaften geprüft werden.

Ein belastbarer allgemeiner Preisvergleich zwischen herkömmlichen und schadstoffärmeren Dachabdichtungen liegt aus der bisherigen Recherche nicht vor.

Schadstoffe bereits beim Bauen vermeiden

Die neue Initiative des Fraunhofer ISI greift ein Umweltproblem auf, das wissenschaftlich seit Jahren untersucht wird. Die Messungen des Umweltbundesamtes belegen, dass Baumaterialien zur Belastung des Regenwassers beitragen können.

Gleichzeitig stehen technische Alternativen zur Verfügung. Biozidfreie Farben, geeignete Putze und konstruktiver Witterungsschutz ermöglichen es, Schadstoffeinträge bereits am Gebäude zu verringern.

Die Preisbeispiele zeigen, dass dies nicht zwangsläufig mit hohen Mehrkosten verbunden sein muss. Entscheidend ist die Wahl eines für das jeweilige Gebäude geeigneten Systems.

Ob die neue Initiative tatsächlich zu einer messbaren Verbesserung der Gewässerqualität führt, wird sich erst anhand ihrer Umsetzung und entsprechender Umweltmessungen beurteilen lassen.


Quellen

  • Fraunhofer ISI: Initiative für biozidarme Baumaterialien, Pressemitteilung vom 22. Oktober 2026.
  • Umweltbundesamt: Bauen und Sanieren als Schadstoffquelle in der urbanen Umwelt (2022).
  • Umweltbundesamt: Groundwater discharges of biocides from façades in urban regions (2025).
  • Umweltbundesamt: Entscheidungshilfen zur Verringerung des Biozideinsatzes an Fassaden.
  • Saint-Gobain Weber: AquaBalance-Technologie und Produktinformationen.
  • Händlerpreisrecherche zu Fassadenfarben, Oktober 2026.