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Orbáns doppeltes Spiel: Putins Maus im Herzen der EU

Orbáns doppeltes Spiel: Putins Maus im Herzen der EU

Was Bloomberg dieser Tage ans Licht brachte, klingt wie das Drehbuch eines Agententhrillers – ist aber belegte Realität: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán bot dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem Telefonat vom 17. Oktober 2025 an, ihm „in jeder Hinsicht“ zu dienen. Zur Illustration griff Orbán zu einer ungarischen Kinderfabel: Er sei bereit, die Maus zu sein, die dem gefangenen Löwen aus dem Netz hilft – weil der Löwe das Nagetier zuvor verschont hatte. Putin soll gelacht haben. Brüssel lacht nicht.

Kein Einzelfall, sondern System

Das Telefonat wäre für sich genommen politisch peinlich, aber noch als informelle Freundschaftsbekundung abzutun. Brisant wird es im Zusammenhang mit dem, was parallel geschah. Ein internationales Medienkonsortium um das Portal VSquare veröffentlichte Tonaufnahmen und Transkripte, die zeigen, wie Außenminister Péter Szijjártó – Orbáns engster außenpolitischer Vertrauter – über Jahre hinweg mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow EU-Interna austauschte und Sanktionen aktiv sabotierte.

Im Mittelpunkt steht ein Telefonat vom August 2024, in dem Lawrow Szijjártó bat, die Schwester des Putin-nahen Oligarchen Alischer Usmanov von der EU-Sanktionsliste zu streichen. Szijjártó sagte zu – koordiniert mit der Slowakei. Wenige Monate später war Gulbahor Ismailova tatsächlich von der Liste verschwunden. Kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Absprache. In einem weiteren Gespräch mit dem stellvertretenden russischen Energieminister Pavel Sorokin soll sich Szijjártó sogar damit gebrüstet haben, beim 18. EU-Sanktionspaket 72 von 128 vorgeschlagenen Einträgen verhindert zu haben.

Moskau saß mit am Tisch

Noch schwerwiegender ist ein Muster, das die Washington Post bereits zuvor enthüllt hatte: Szijjártó soll Lawrow regelmäßig in den Sitzungspausen von EU-Außenministertreffen angerufen und dabei aus den laufenden Beratungen berichtet haben – in Echtzeit. Ein europäischer Geheimdienstmitarbeiter beschrieb diese Gespräche als den Austausch eines Informanten mit seinem Führungsoffizier. Der frühere litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis zog daraus die naheliegende Schlussfolgerung: Putin habe bei praktisch jedem offiziellen EU- und NATO-Treffen einen Mann im Raum gehabt.

Kollaboration, nicht bloß Realpolitik

Orbáns Lager verteidigt sich mit dem Argument souveräner Interessenpolitik: Ungarn sei energieabhängig, Sanktionen schadeten der eigenen Wirtschaft, Diplomatie mit Russland sei kein Verbrechen. Das ist nicht grundsätzlich falsch – aber es ist nicht die ganze Wahrheit.

Zwischen dem legitimen Schutz nationaler Energieinteressen und dem systematischen Weitergeben vertraulicher EU-Beratungen an eine kriegführende Macht verläuft eine klare rote Linie. Orbáns Versprechen an Putin – „In jeder Hinsicht zu Diensten“ – war offenbar kein Lippenbekenntnis. Szijjártó hat es operationalisiert. Dass ein Außenminister jahrelang als Kreml-Informant agiert, ohne Wissen und Billigung seines Regierungschefs, ist schlicht nicht vorstellbar.

Das ist keine Realpolitik mehr. Es ist Kollaboration – die aktive Zusammenarbeit mit einer kriegführenden Macht gegen die eigene politische Gemeinschaft. Die EU hat inzwischen erste Konsequenzen gezogen und den Informationsfluss an Budapest eingeschränkt. Eine strukturelle Antwort – etwa über Artikel-7-Verfahren oder den Entzug von Stimmrechten – steht weiterhin aus.

Timing ist kein Zufall

Die Enthüllungen erschienen am 7. April 2026, fünf Tage vor der ungarischen Parlamentswahl am 12. April. Orbáns Fidesz liegt in Umfragen hinter der Oppositionspartei Tisza von Herausforderer Péter Magyar. Ob die Leaks das Wahlergebnis kippen, ist offen. Was sie zweifelsfrei kippen, ist das bisher noch aufrechtzuerhaltende Bild des harmlosen EU-Querulanten Orbán. Was bleibt, ist das Porträt eines Mannes, der Putin persönlich Gefolgschaft schwor – und nachweislich Wort hielt.