Teil III: Wie sich Monsanto seit den 1980ern seine Glyphosat-Zulassungen erkauft

Glyphosat: Wie Beweise erkauft, beschönigt und ignoriert werden

Glyphosat: Wie Beweise erkauft, beschönigt und ignoriert werden

Im Juni 2015 hat die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA ( ENVIRONMENTAL PROTECTION AGENCY). von der schon im ersten Teil dieses Artikels die Rede war, festgestellt: Es gibt keine überzeugende Beweise, dass Glyphosat Störungen des Hormonsystems verursachen könnte, die wiederum zu den bekannten Folgeerscheinungen wie Krebs oder Unfruchtbarkeit führen würden. Diese an sich beruhigende Aussage basiert auf 32 Studien, die die EPA ausgewertet hat. Dumm nur, dass 27 davon von der Chemie-Branche selbst finanziert oder durchgeführt wurden. Keine dieser von einer eigens gegründeten Glyphosate Task Force bzw. von einzelnen Firmen wie Monsanto oder Syngenta beauftragten Untersuchungen hat eine negative Wirkung von Glyphosat festgestellt.

Bei den fünf unabhängigen Studien sah das anders aus: Sie beobachteten sämtlich einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und dem Hormonhaushalt bei den Versuchstieren und in den verwendeten, menschlichen (Leber-)Zellen. Dort, wo sich vergleichbare „Aussetzer“ in den branchennahen Studien gar nicht vertuschen ließen, wurden sie einfach als statistisch nicht relevant eingestuft. Selbst reihenweise lebensunfähige oder völlig untergewichtige Föten oder schwere Entzündung hormonerzeugender Zellen in der Bauchspeicheldrüse wurden langatmig weg erklärt.

Unschöner Mix: Schlampigkeit, Unterfinanzierung und tatsächliche Lobby-Schmiere

Der EPA einfach nur Korrumpierbarkeit vorzuwerfen, greift zu kurz. Die meisten Gesundheitsbehörden sind unterfinanziert. Monsanto macht einen Jahresumsatz von fast sechs Milliarden Dollar; BPN steht für alle Projekte die Hälfte zur Verfügung. Selber zu forschen wäre zu teuer, gleichzeitig müssen sich Entscheidungen auf Daten berufen. So bleibt nur die Auswertung vorhandenen Materials. Der Rückgriff auf willens angetragenes Material der Unternehmen selbst, von scheinbar „unabhängigen“ Laboren erstellt, ist nachvollziehbar, wenn auch ethisch nicht zu vertreten. Diese Labore mögen auf dem Papier unabhängig sein, sind aber von Auftrag zu Auftrag durchaus empfänglich für subtilen Druck des Auftraggebers, wenn es um die Interpretation von Ergebnissen geht.

Die EPA wehrt sich gegen diese Vorwürfe mit dem Argument, dass die Pestizid-Hersteller nun einmal gesetzlich dazu verpflichtet seien, Studien zur Verfügung zu stellen. Natürlich gäbe es für diese Studien genaue Konzeptions-Vorgaben und Ausführungsparameter, die nicht unterlaufen werden dürften. Diese Vorgaben sind tatsächlich vorhanden und öffentlich einsehbar, bei der EPA wie dem BfR, das sich maßgeblich an den amerikanischen Analysen orientiert.

Das sie nicht umgangen werden können, ist allerdings falsch. Kaum jemand macht sich die Mühe, alle zitierten Studien genauestens zu analysieren; am wenigsten, und hier liegt das Problem, die Politiker, die auf ihrer Grundlage Gesetzesentwürfe formulieren und Zulassungen durchwinken.

Taktik #1: Subtile Verfälschung der Versuchsparameter

Schaut man nämlich genau hin, dann findet man Studie für Studie subtile Parameterverschiebungen, die einzeln argumentierbar scheinen, in der Summe aber eine beabsichtigte totale Verfälschung des Gesamtergebnisses darstellen – etwa wenn verräterisches Untergewicht von Rattenbabys oder ein vermehrtes Sterben von Föten als statistisch nicht relevant deklariert wird, weil die Ratten zu Testbeginn bereits schwanger waren und man deshalb einen gewissen Prozentsatz durch unbekannte, mögliche Ursachen abziehen muss. Natürlich ist jedoch die Entscheidung, bereits befruchtete Tiere zu nutzen, Kalkül.

Taktik #2: Ignoranz aktueller wissenschaftlicher Einsichten

Doch die Bereitstellung einseitiger Daten durch die Industrie ist nur eine der Genehmigungshintertüren. Hinzu kommt, dass die von den Institutionen heran gezogenen Untersuchungsergebnisse oft, zumindest aus Perspektive der Wissenschaft, „steinalt“ sind. 15 von 27 EPA-Studien sind älter als 22 Jahre.

Seit den frühen 1990ern hat sich aber besonders im Bereich der Hormonforschung viel getan. Inzwischen ist bekannt, dass wesentlich geringere Mengen hormon-aktiver Chemikalien schon fatale gesundheitliche Auswirkungen haben können, als lange angenommen – dabei geht es mitunter um Werte, die 1000 mal niedriger sind, als solche, die der Risikobewertung durch die Studien zugrunde liegen oder sogar von der EPA oder dem BfR direkt angewandt werden.

Taktik #3: Diffamierung unabhängiger Gutachten

Eine weitere Methode zur Schönung ist der Filter, den externe Studien von tatsächlich neutralen Quellen passieren müssen. In diesen Fällen werden Forschungsergebnisse nicht berücksichtigt, an denen (oder an deren Quellen) in keinem anderen Kontext wissenschaftliche Schlamperei bemängelt worden wäre. Dennoch behaupten die Institutionen, diese Studien wären fehlerhaft, unvollständig oder nicht relevant – unter fadenscheinigen Begründungen, die sich allerdings unter einem Berg fachlich-terminologischen Kauderwelsches verstecken.

So werden Studien, die die Gefährlichkeit von Glyphosat aufzeigen, zwar scheinbar „berücksichtigt“ (um nur oberflächlich recherchierende Kritiker zufrieden zu stellen), ihre Resultate jedoch in die Risikoevaluation nicht mit einbezogen. Ein skandalöses Beispiel dieses Vorgehens durch das BfR aus dem Juli diesen Jahres kann unter http://www.mdr.de/fakt/glyphosat146.html nachverfolgt werden; dort stehen auch alle Originaldokumente zur Verfügung.

Die Lösung? Einfach und unbürokratisch, falls gewollt

Es gäbe eine einfache und überhaupt nicht aufwendige Lösung für alle drei gravierenden Eingriffe der Chemieindustrie in die Entscheidungsfindungsprozesse der EU, EFSA, EPA, des BfR oder auch des Deutschen Krebsforschungszentrums. Erstens dürften nur noch Studien für Beurteilungen ausschlaggebend sein, denen keinerlei Interessenskonflikte zugrunde liegen. Zweitens müsste ein unabhängiges Gremium anonymisiertes Studienmaterial auf Konsistenz und wissenschaftliche Korrektheit prüfen und außerdem sicherstellen, dass es dem aktuellen Wissensstand entspricht.

Glyphosat TestWas kann man tun, um sich zu schützen?

Auch wenn in Deutschland einige Bau- und Gartenmärkte auf die neuen Erkenntnisse reagiert und Glyphosat-Produkte aus den Regalen geräumt haben, werden in Deutschland jährlich weiterhin 5.000 Tonnen des reinen Wirkstoffs auf den Feldern ausgebracht – in Form von Pflanzengiften, die den Wirkstoff Glyphosat enthalten.

Allerdings: In der ökologischen Landwirtschaft sind Pestizide wie Glyphosat verboten. Nachhaltig schützen kann man sich also, indem man nur noch Bio-Produkte kauft. Im eigenen Gartenbau sollte man ebenfalls nur Bio-Dünger, keinesfalls aber eine chemischen Düngemischung nehmen, die man nicht auf das Vorhandensein von Glyphosat untersucht hat.

Unter unten stehendem Link kann jeder Bürger sich auf Glyphosat im Urin testen lassen. Beim Umweltinstitut findet sich auch eine Fülle an weiterem Informationsmaterial zur eigenen Information, zum Weiterverteilen sowie zum politischen Protest.

Weiterführende Links
Stellungnahme EPA

Beispielstudien:
Pre- and postnatal toxicity of the commercial glyphosate formulation in Wistar rats
Environmental health Perspectives

Viele neutrale Studienergebnisse finden sich hier

Hier wirbt die Glyphosat-Lobby:
Glyphosat Facts
Glyphosate Task Force

Urintest