Cannabiskonsum in Deutschland: Neue Daten zeigen stabile Entwicklung trotz Teillegalisierung
Cannabis nach der Reform: Konsumverhalten bleibt weitgehend unverändert
ESA-Daten und Forschungsprojekt EKOCAN liefern erste Zwischenbilanz
Seit dem 1. April 2024 ist Cannabis in Deutschland teilweise legalisiert. Doch trotz der gesellschaftspolitischen Brisanz und der hitzigen Debatten im Vorfeld scheint sich der tatsächliche Cannabiskonsum in der Bevölkerung bislang nur geringfügig verändert zu haben. Das zeigt eine aktuelle Detailauswertung des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) sowie eine erste Zwischenbilanz des begleitenden Forschungsprojekts EKOCAN.
Konsumverhalten bleibt nahezu unverändert – Anstieg seit 2012 setzt sich fort
Laut ESA-Daten gaben im Jahr 2024 rund 9,8 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben. Das bedeutet einen leichten Anstieg gegenüber 2021 (8,8 %) und bestätigt den langfristigen Trend eines zunehmenden Konsums – 2012 lag dieser Wert noch bei 4,5 Prozent. Allerdings sehen Expert:innen keinen unmittelbaren Zusammenhang mit der Teillegalisierung: Da die Datenerhebung nur wenige Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes erfolgte, lassen sich laut Suchtforscher Benedikt Fischer keine fundierten Rückschlüsse auf die Auswirkungen der neuen Rechtslage ziehen.
Präferierte Konsumform weiterhin problematisch
Bei der Konsumform bleibt der Joint – meist in Kombination mit Tabak – das Mittel der Wahl. Diese Konsumform gilt aus gesundheitlicher Sicht als besonders bedenklich, da sie sowohl Lunge als auch Herz-Kreislauf-System belastet und das Suchtpotenzial durch die Tabakbeigabe zusätzlich erhöht. Fischer kritisiert in diesem Zusammenhang die unzureichende Tabakkontrollpolitik in Deutschland, die alternative Konsumformen bisher kaum in den Fokus rücke.
Konsummotive: Genuss und Stressabbau dominieren
Die häufigsten Gründe für den Cannabiskonsum waren laut Befragung das Bedürfnis nach einem Rauschzustand oder einfach „Spaß haben“, gefolgt vom Stressabbau oder dem Wunsch nach Entspannung. Konkrete Zahlen zum medizinisch motivierten Konsum wurden nicht ausgewiesen, doch Fischer schätzt, dass rund 30 Prozent der Nutzer:innen Cannabis teilweise oder vollständig aus medizinischen Gründen verwenden – etwa zur Behandlung chronischer Schmerzen, was häufig einen täglichen Konsum erfordert.
Eigenanbau und Cannabis Social Clubs im Aufwind
Bemerkenswert ist der deutliche Anstieg des Eigenanbaus: Etwa 20 Prozent der Konsumierenden gaben an, Cannabis selbst anzubauen – ein signifikanter Zuwachs im Vergleich zu früheren Erhebungen. Zudem ist etwa ein Viertel der Befragten Mitglied in sogenannten Cannabis Social Clubs. Diese mit der Gesetzesreform neu geschaffenen, nicht-kommerziellen Anbauvereinigungen dürfen Cannabis für ihre Mitglieder legal anbauen und abgeben
Langzeitstudie zeigt klare Alters- und Kohorteneffekte
Eine zusätzliche wissenschaftliche Analyse basierend auf zehn Erhebungswellen des ESA (1995–2021) beleuchtet die Entwicklung des Cannabiskonsums über Altersgruppen und Generationen hinweg. Die Untersuchung offenbart, dass der Konsum mit zunehmendem Alter deutlich abnimmt: Während 18-Jährige ein rund neunmal höheres Konsumrisiko als der Durchschnitt aufweisen, sinkt dieses Verhältnis bis zum 59. Lebensjahr auf unter ein Zehntel.
Jüngere Geburtsjahrgänge – insbesondere ab 1980 geboren – zeigen durchweg höhere Konsumraten. Besonders auffällig ist die Generation ab dem Jahrgang 2002, bei der die Wahrscheinlichkeit des Konsums signifikant höher ist als bei älteren Kohorten. Dies spiegelt eine zunehmende gesellschaftliche Normalisierung und Akzeptanz wider.
Einflussfaktoren: Bildung, Region und Begleitkonsum
Die Studie ergab auch signifikante Unterschiede in Abhängigkeit vom Wohnort, Bildungsgrad und weiteren Konsumverhalten:
- Menschen in Ostdeutschland konsumieren seltener Cannabis als in Westdeutschland (OR = 0,72), während Berliner:innen fast doppelt so häufig konsumieren wie der Bundesdurchschnitt (OR = 1,98).
- Männer konsumieren häufiger als Frauen (OR = 0,58 für Frauen).
- Höher Gebildete zeigen eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit zum Konsum (OR = 1,28 gegenüber Menschen mit niedriger Bildung).
- Konsument:innen von Alkohol oder Tabak in den letzten 30 Tagen hatten eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, auch Cannabis konsumiert zu haben (Alkohol: OR = 2,97; Tabak: OR = 4,99).
Empfehlungen und Ausblick
Die Daten bestätigen die langfristige Tendenz eines steigenden Konsums bei jüngeren Generationen. Da diese besonders anfällig für gesundheitliche und soziale Risiken sind, plädieren Fachleute für verstärkte Präventionsmaßnahmen. Vor allem jugend- und bildungsorientierte Kampagnen könnten dazu beitragen, Risiken bewusster zu machen und einen problematischen Konsum einzudämmen.
Gleichzeitig wird betont, dass die vollständigen Auswirkungen der Teillegalisierung erst mit künftigen Erhebungswellen abschließend beurteilt werden können.



