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Netzanschluss als Engpass: Warum der Stromumbau an Leitungen, Trafos – und am Smart Meter hängt

Netzanschluss als Engpass: Warum der Stromumbau an Leitungen, Trafos – und am Smart Meter hängt
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Der Ausbau der erneuerbaren Energien gilt als politisch gesetzt. Weniger sichtbar ist die zweite, teuerste Etappe: die Modernisierung der Verteilnetze. Das Bayernwerk will bis 2030 rund 40.000 Kilometer Mittel- und Niederspannungsleitungen bauen. Bundesweit ist das kein Sonderweg, sondern ein Hinweis darauf, wie knapp Infrastruktur geworden ist – und warum intelligente Messsysteme zwar nicht alles lösen, aber entscheidend werden.

Wenn ein Netzbetreiber ankündigt, in wenigen Jahren Leitungen „einmal um den Äquator“ zu verlegen, ist das mehr als ein PR-Bild. Es ist eine Diagnose. Das Bayernwerk – im Freistaat einer der maßgeblichen Verteilnetzbetreiber – plant bis 2030 etwa 40.000 Kilometer neue Mittel- und Niederspannungsleitungen, ergänzt um zusätzliche Hochspannungsstrecken, ertüchtigte Umspannwerke und eine digitalere Steuerung. Der unmittelbare Anlass heißt Energiewende. Die eigentliche Ursache ist jedoch strukturell: Das Stromsystem wird dezentral – und das Verteilnetz wird damit vom unscheinbaren Hintergrund zur zentralen Infrastrukturfrage.

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Ein Systemwechsel, der unten im Netz beginnt

Die öffentliche Debatte über den Netzausbau kreist oft um „Stromautobahnen“ und große Trassen. Für die Stabilität des Systems ist das Übertragungsnetz wichtig. Im Alltag entscheidet sich die Funktionsfähigkeit jedoch immer häufiger im Verteilnetz: in Ortsnetzstationen, in Kabeln unter Wohnstraßen, in Trafokapazitäten und in der Fähigkeit, Einspeisung und Lasten zeitlich zu koordinieren.

Das alte Modell war übersichtlich: wenige große Kraftwerke speisten ein, die Last floss vergleichsweise planbar in Richtung Verbraucher. Das neue Modell folgt einer anderen Logik. Photovoltaik auf Dächern, Windparks, Biomasseanlagen und künftig Batteriespeicher speisen lokal ein – oft dort, wo Netzabschnitte historisch nie dafür ausgelegt waren, dass Strom in die „falsche Richtung“ fließt. Gleichzeitig steigen die neuen Verbraucher: Wärmepumpen, Elektromobilität, perspektivisch mehr Rechenzentren und elektrifizierte Industrieprozesse. Der Umbau ist nicht nur eine Frage der Erzeugung, sondern der Verteilung.

Warum die Zahl der „Einspeiser“ politisch unterschätzt wird

Das Bayernwerk spricht in seinem Netzgebiet von künftig „über einer Million Einspeisern“. Bundesweit ist die Größenordnung noch einmal höher: Allein im Solarsektor sind im Register mehrere Millionen Erzeugungseinheiten ausgewiesen. Das ist kein Detail. Es verschiebt den Maßstab. Ein Netz, das mit einigen Tausend relevanten Einspeisepunkten gut zu managen war, muss künftig mit Millionen Akteuren umgehen, die jeweils klein erscheinen, in Summe aber systemprägend sind.

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Für Netzplanung bedeutet das: Nicht ein einzelnes Großprojekt entscheidet, sondern die Vielzahl der Anschlüsse. Die Engpässe entstehen oft nicht dort, wo man sie spektakulär filmen könnte, sondern an der Ortsnetzstation, am Trafo oder am letzten Kabelabschnitt, der für zusätzliche Photovoltaikleistung oder für gleichzeitiges Laden mehrerer Fahrzeuge nicht ausgelegt ist.

Speicher: Lösung, wenn sie netzdienlich sind – Problem, wenn nicht

Hinzu kommt eine Entwicklung, die in den vergangenen zwei Jahren stark an Dynamik gewonnen hat: der Speicherboom. Netzbetreiber berichten von Anschlussbegehren in einer Größenordnung, die vor kurzem noch unplausibel schien. Speicher gelten als technische Antwort auf die Volatilität erneuerbarer Erzeugung. Gleichzeitig können sie – ohne netzdienliche Steuerung – lokale Engpässe verschärfen: Wenn viele Batteriesysteme zur gleichen Zeit laden, steigt die Last. Wenn sie zur gleichen Zeit entladen, steigen die Einspeisespitzen. Der Nutzen ergibt sich erst dann, wenn Speicher in ein Steuerungs- und Preissignal-System eingebunden werden, das netz- und marktdienlich ist.

Das gilt erst recht für den nächsten Schritt, der unter dem Schlagwort „bidirektionales Laden“ verhandelt wird: Elektroautos als mobile Speicher. Technisch ist das zunehmend möglich. Systemisch ist es nur dann ein Gewinn, wenn die Einspeisung aus Fahrzeugen nicht zufällig, sondern koordiniert erfolgt.

Der Smart Meter: Schlüssel zur Steuerbarkeit – nicht zur Kapazität

Damit sind wir bei einem Bauteil, das im großen Energiewende-Narrativ lange wie ein Randthema wirkte: dem Smart Meter, genauer dem intelligenten Messsystem (iMSys). Seine Rolle ist nüchtern zu definieren: Es schafft nicht automatisch mehr Netzkapazität. Es ersetzt keine Leitungen und keine Transformatoren. Aber es ist eine Voraussetzung dafür, das vorhandene Netz besser auszunutzen – und das ist in einer Phase knapper Infrastruktur ein erheblicher Vorteil.

Intelligente Messsysteme ermöglichen erstens eine feinere Transparenz über Last- und Einspeiseverläufe. Zweitens sind sie eine technische Grundlage für dynamische Tarife, die seit 2025 von Lieferanten angeboten werden müssen und die den Verbrauch in günstigere (und im Idealfall netzfreundlichere) Stunden verschieben können. Drittens unterstützen sie die Skalierung steuerbarer Verbraucher: Wenn Wärmepumpen und Wallboxen in großer Zahl hinzukommen, braucht es standardisierte, sichere Steuerwege, um das Netz in Engpasssituationen zu entlasten, ohne Versorgung zu gefährden.

Das Leitprinzip lautet: Flexibilität statt dauerhafte Überdimensionierung. Im besten Fall bedeutet das: weniger Ausbau „auf Verdacht“, mehr Ausbau dort, wo er tatsächlich benötigt wird. In der Praxis ist es eine Frage des Zusammenspiels aus Messung, Steuerung, Preis- und Regulierungssignalen.

Der Status: digitaler Zähler ist nicht automatisch „smart“

Der Stand des Rollouts ist dabei ernüchternd – und zugleich erklärbar, wenn man sauber unterscheidet. Es gibt moderne Messeinrichtungen (digitale Zähler ohne Kommunikationsgateway) und es gibt intelligente Messsysteme (iMSys) mit Gateway, also die eigentlichen Smart Meter im engeren Sinn. In Deutschland ist der digitale Zähler inzwischen vielfach verbreitet. Beim iMSys hingegen ist die Quote – gemessen an allen Messlokationen – weiterhin vergleichsweise niedrig (rund vier Prozent zum Stichtag Ende September 2025).

In den gesetzlich priorisierten Gruppen – etwa höheren Verbrauchsklassen und bei bestimmten steuerbaren Verbrauchseinrichtungen – ist die Quote deutlich besser, liegt aber ebenfalls erst im Bereich um ein Fünftel. Das erklärt, warum die Bundesnetzagentur den Rollout zunehmend auch als Aufsichtsthema behandelt: Ohne mess- und steuerbare Endpunkte wird das Versprechen netzdienlicher Flexibilität schwer einzulösen sein.

Was das politisch und wirtschaftlich bedeutet

Aus dieser Gemengelage ergeben sich drei Konsequenzen.

Erstens: Der Netzausbau wird in den kommenden Jahren weniger an der Idee scheitern als an der Umsetzung: Material, Fachkräfte, Genehmigungsprozesse, standardisierte Technik und digitale Systeme werden zu knappen Gütern. Wer über Energiewende spricht, spricht deshalb unweigerlich über industrielle Kapazitäten und Planungsrealität.

Zweitens: Die Debatte über Kosten wird schärfer. Leitungen, Ortsnetzstationen, Umspannwerke und Digitalisierung sind kapitalintensiv. Die Verteilnetze sind groß, die Zahl der Anschlüsse steigt. Damit wächst der Druck, Investitionen effizient zu priorisieren: Wo bringt ein stärkerer Trafo mehr als ein neuer Kabelstrang? Wo kann Lastmanagement einen Ausbau verzögern, ohne die Akzeptanz zu beschädigen?

Drittens: Smart Meter werden zum Lackmustest. Nicht, weil sie die Energiewende „retten“, sondern weil sie darüber entscheiden, ob ein zunehmend komplexes System stabil und bezahlbar betrieben werden kann. Wenn Millionen Anlagen einspeisen und Millionen Verbraucher flexibel reagieren sollen, braucht es ein Mess- und Steuerfundament, das skaliert. Ohne dieses Fundament wächst die Neigung zu teuren Sicherheitsaufschlägen – sprich: zu mehr Ausbau als vielleicht nötig wäre.

Fazit

Das Bayernwerk liefert mit seinen Ausbauzahlen ein realistisches Bild dessen, was im Verteilnetz vielerorts ansteht: ein Umbau, der nicht in Legislaturperioden, sondern in Netzzuständen gemessen werden muss. Die zentrale Frage lautet dabei nicht „ob“, sondern „wie“: Wie schnell gelingt der Ausbau der physischen Infrastruktur – und wie schnell gelingt zugleich die Digitalisierung, die Flexibilität überhaupt nutzbar macht? Netzanschlüsse und Netzkapazitäten werden so tatsächlich zu einer Art Währung. Ob daraus ein Engpass wird, der Wachstum und Elektrifizierung bremst, hängt an Leitungen und Trafos – aber eben auch am unscheinbaren Gerät im Zählerschrank.

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