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Windhundprinzip beim Stromnetz: Wie Deutschland sich selbst ausbremst

Windhundprinzip beim Stromnetz: Wie Deutschland sich selbst ausbremst
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Ein Land im Strom-Stau

Windhundprinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Mit diesem allseits bekannten Sprichwort lässt sich der Zustand des deutschen Stromnetzausbaus treffend beschreiben – wenn auch wenig schmeichelhaft. Die politischen Reformen kommen seit Jahren nicht in Fahrt, Versprechen verwandeln sich in Luftschlösser. Auch weil Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) kaum überzeugende Antworten liefert, droht eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte Deutschlands vor die Hunde zu gehen.

Deutschland steht am Scheideweg: Der Strommarkt verändert sich rasant, angetrieben durch die Energiewende und neue Technologien wie Künstliche Intelligenz. Die für den Einsatz von KI benötigten großen Rechenzentren verbrauchen enorme Strommengen – in einzelnen Regionen inzwischen so viel wie eine ganze Mittelstadt.

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Wenn der Bedarf wächst, aber die Strategie fehlt

Gleichzeitig stoßen die Netze an ihre Kapazitätsgrenzen, und klare Strategien fehlen. Katharina Reiche, häufig für ihre Kenntnisse in der Energiebranche gelobt, enttäuscht ausgerechnet in den zukunftsweisenden Fragen rund um Netzanschlüsse und Digitalisierung. Statt Antworten gibt es Verweise auf interne Arbeitsgruppen und Pläne, die erst in ferner Zukunft Gestalt annehmen sollen.

Reiche verweist auf eine geplante Kraftwerksanschlussverordnung, die das sogenannte Windhundprinzip – die Bevorzugung der zuerst eingegangenen Anträge – teilweise zurückdrängen soll. Gleichzeitig fordert sie mehr Transparenz bei Netzanschlusskapazitäten und digitale Prozesse. Doch im gleichen Atemzug gesteht sie ein, dass der Rollout intelligenter Stromzähler schleppend verläuft – und „nicht die Branche, sondern die Behörden schuld“ seien.

Windhundprinzip: Falsche Reihenfolge, falsche Signale

Das Windhundprinzip exemplifiziert das Dilemma: In Teilen der Anschlussregulierung, etwa bei größeren Erzeugungs- und Speicheranlagen, werden Anträge formal nach Eingangsdatum bearbeitet. Netzbetreiber dürfen verfügbare Kapazität also oft nur „first come, first served“ vergeben – unabhängig davon, ob ein Projekt besonders systemrelevant, klimawirksam oder volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Das behindert strategische Planung und verschärft Engpässe.

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Dimensionen des Netzausbaus – und seine Schwächen

Gleichzeitig ist die Dimension des Netzausbaus gewaltig: Deutschlands Stromnetz umfasst inzwischen rund 1,9 Millionen Kilometer Leitungen – vom Hochspannungsring bis zur letzten Ortsnetzleitung. Mehr als die Hälfte des hierzulande erzeugten Stroms stammt bereits aus erneuerbaren Quellen; 2024 waren es rund 59,4 Prozent. Doch dieser Erfolg wird von einem Netz konterkariert, das auf Wind, Sonne, Wärmepumpen und Rechenzentren nicht vorbereitet ist.

Studien beziffern den Investitionsbedarf für Übertragungs- und Verteilnetze bis 2045 auf deutlich über 600 Milliarden Euro. Schon bis Anfang der 2030er Jahre sind zusätzliche zweistellige Milliardenbeträge nötig. Gleichzeitig dauern Genehmigungsverfahren für neue Leitungen – insbesondere, wenn sie unterirdisch verlegt werden – häufig viele Jahre. Und die Branche kämpft mit einem eklatanten Fachkräftemangel.

Blick ins Ausland: Pragmatismus statt Prinzipienreiterei

Während Deutschland noch diskutiert, setzen andere Industrienationen pragmatische Lösungen um. In den USA entstehen in Kooperation mit Energieversorgern neue Stromquellen, teils sogar auf Basis moderner Kernkraftwerke, die speziell große Rechenzentren absichern sollen. Schweden gilt als Vorreiter bei der Kombination aus grüner Energie und intelligenter Netzsteuerung: Smart Meter sind flächendeckend im Einsatz, Lastspitzen werden aktiv gesteuert, flexible Tarife lenken Verbrauch in die Stunden, in denen Wind und Sonne besonders viel liefern. Und China investiert massiv in Hoch- und Höchstspannungsleitungen sowie moderne Netztechnologien – mit Milliardenprogrammen, die Jahr für Jahr aufgelegt werden.

Verteilnetze im Korsett des Windhundprinzips

Und Deutschland? Verharrt im Windhundprinzip. Verteilnetzbetreiber stehen vor der Herausforderung, Prioritäten zu setzen, ohne auf klare politische Vorgaben oder funktionierende Marktmechanismen zurückgreifen zu können. Wer bekommt Anschlusskapazität – die neue Batteriegroßspeicheranlage, das Rechenzentrum eines Hyperscalers, die Produktionslinie eines Mittelständlers oder die nächste Tranche an Schnellladesäulen? Das Ergebnis ist eine wachsende Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot, die niemand zufriedenstellend löst.

Politische Blockaden, Smart Meter und Zuständigkeitswirrwarr

Die Ministerin bringt bislang nicht mehr als das Altbekannte auf den Tisch: besseres Antragsmanagement, digitale Formulare, mehr Transparenz. Das ist wichtig, aber es greift zu kurz, solange Zuständigkeiten zwischen Innen- und Wirtschaftsministerium nicht geklärt sind. Wer seinen Strom intelligent messen, steuern und etwa aus der Wallbox ins Netz zurückspeisen möchte, braucht ein intelligentes Messsystem. Doch die aktuell extrem hohen Sicherheitsanforderungen der Geräte werden vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) festgelegt – einer Behörde, die dem Innenministerium unterstellt ist und jahrelang eher auf maximale Sicherheit als auf pragmatischen Rollout gesetzt hat.

Wer es ernst meint mit der Energiewende, muss diese Blockaden beim Messstellenbetriebsgesetz und in der Regulierung lösen – und die Netzbetreiber von bürokratischem Ballast befreien. Frau Reiche hat dies in den ersten Monaten ihrer Amtszeit offensichtlich nicht getan, sonst hätte sie auf der Eon-Veranstaltung mehr als vage Ankündigungen präsentieren können.

Fazit: Weg vom Windhundprinzip, hin zur Priorisierung

Währenddessen mahnt die Bundesnetzagentur: „Die zweite Halbzeit gehört den Verteilnetzbetreibern.“ Doch viele von ihnen haben gefühlt schon drei Halbzeiten hinter sich, kämpfen mit Überlastung, Personalengpässen und widersprüchlichen Vorgaben. Die Politik hingegen wirkt eher wie ein Zaungast als wie ein aktiver Gestalter.

Ist es nicht längst an der Zeit, dass Deutschland klare Prioritäten setzt, die Tore für Investoren öffnet, flexible und innovative Lösungen zulässt – und sich endgültig vom Windhundprinzip verabschiedet? Denn wenn jetzt nicht entschieden wird, wer mit welcher Begründung ans Netz darf, und wenn wir nicht massiv in Leitungen, Trafos und Digitalisierung investieren, droht die Energiewende im Stau der eigenen Infrastruktur stecken zu bleiben. Das wäre mehr als eine verpasste Chance: Es wäre ein dauerhafter Wettbewerbsnachteil für eine der größten Volkswirtschaften der Welt – ausgerechnet bei der Stromversorgung der entscheidendsten technologischen Revolution unserer Zeit: der Künstlichen Intelligenz.

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