Pharma: Die treibende Kraft der Überregulierung

Ein kurzes Wort in eigener Sache zum Jahresanfang:

2016 wird wohl nicht das Jahr sein, in dem die E-Zigarette wie ein Phoenix aus dem Liquid steigt. Aber wir können es zumindest zu dem Jahr machen, in dem die Wahrheit über die E-Zigarette ans Tageslicht kommt.

Dabei habe ich eine Befürchtung; sie ist quasi mein persönlicher Albtraum, der unglücklicherweise für eine Vielzahl anderer Interessengruppen das Best-Case-Szenario darstellt.

Sobald die neuen Tabakgesetze ratifiziert werden (selbst wenn das Parlament einer Schonfrist zustimmt, die wir mit millionenschweren Strafzahlungen an die EU werden büßen müssen), könnte die jetzige Dampfkultur in Deutschland ein schnelles Ende finden:

• Passionierte Dampfer haben gebunkert und sind persönlich auf der sicheren Seite; sie könnten, verständlicherweise, im dann währenden Zustand juristischer Stase das Interesse an weiterem Aktivismus verlieren

• Kleinere und mittlere E-Zigaretten-Unternehmen werden wenig Handlungsspielraum haben und zu sehr mit Überleben beschäftigt sein, um politische Arbeit zu leisten

• Anders als in England haben wir in Deutschland keine solide wissenschaftliche-akademische Basis, die sich aus intellektueller Neugier mit dem Dampfen beschäftigt; diese Arbeit wird den Tabakkonzernen überlassen

• Dampf-Magazine, die einen gewissen finanziellen Aufwand nach sich ziehen oder sich auf interessante technologische Neuerungen spezialisiert haben, wird das Futter ausgehen, in jeder Hinsicht.

Doch obwohl so viele Quellen der E-Zigaretten-Aufklärung in Deutschland auszubluten drohen, sollten wir nicht aufgeben. Ich zumindest werde dieses Jahr dafür nützen, Informationen zum Dampfen zu sammeln und zu veröffentlichen. Nur so entsteht in einer wie auch immer weit entfernten Zukunft der gesetzliche, gesellschaftliche und wissenschaftliche Rahmen, innerhalb dessen die E-Zigarette ihr volles Potenzial entfalten kann.

Dabei geht es zum einen um wissenschaftliche Untersuchungen zur E-Zigarette, ihren Risiken, ihrem Nutzen und ihren Konsumenten. Zum anderen müssen die Ursachen für die jedem denkenden Menschen unerklärlichen Fehldarstellungen und offenen Unwahrheiten gefunden und dargelegt werden, die über E-Zigaretten verbreitet werden und die die gegenwärtige katastrophale Situation überhaupt erst möglich gemacht haben.


Pharma: Die treibende Kraft der ÜberregulierungBetrachten wir den Wissenstransfer rund um die E-Zigarette, dann zeichnet sich ein katastrophales Bild ab

Auf der einen Seite kommt jede Studie, die sich mit der Wirkung der E-Zigarette auf den menschlichen Organismus beschäftigt, zum gleichen Ergebnis: Nikotinhaltige und nikotinfreie E-Liquids mit pharmazeutisch reinen Zutaten, in hochwertigen elektrischen Zigaretten unter normalen Betriebsbedingungen zum Aerosol erhitzt und inhaliert, schädigen Humangewebe lediglich in einem Ausmaß, das als Risiko absolut tragbar ist und höchstwahrscheinlich auch langfristig durch die natürlichen Regenerationsfähigkeiten des Körpers selbstständig wieder kompensiert werden kann.

Im Angesicht dieser Tatsache sind die immer wieder von E-Zigaretten-Kritikern zitierten Befragungen, ob E-Zigaretten tatsächlich beim Rauchentzug helfen, verbraucherschutzrechtlich irrelevant. Als Verbraucherschützer und/oder Politiker ist es für mich bei der Zulassung von Rosmarin-Tee auch kein Kriterium, ob er eine erfolgreiche Hilfe bei der Koffeinentwöhnung darstellt (was er tut, das nur nebenbei und aus eigener Erfahrung hinzugefügt). Entscheidend ist lediglich, ob er an und für sich eine Gefahr darstellen könnte.

Dass E-Zigaretten zu mindestens 95% weniger schädlich sind als Tabakzigarettenrauch, ist natürlich dennoch eine ihrer herausragenden, positiven Eigenschaften – die dazu führen müsste, dass die E-Zigarette nicht nur nicht eingeschränkt wird (wofür keine Gründe vorliegen außerhalb des Jugendschutzes), sondern dass ihr auch im Sinne der öffentlichen Gesundheit kein kommunikativer Knebel in Form eines absoluten Werbeverbots verpasst werden sollte.

Ob sie dann von Rauchern genützt wird oder nicht, ist deren freie Wahl. Es dürfte nicht entscheidend dafür sein, dass die Option frei im Raum steht (oder auf den Tresen liegt).

Der „E-Zigaretten-wirken-Nicht“-Mythos

Angesichts dieser eigentlich logischen Argumentation ist auffällig, wie häufig in Deutschland das eigentlich völlig irrelevante Argument „Die E-Zigarette wirkt nicht als Rauch-Stopp-Hilfe“ durch „repräsentative“ Umfragen in den Raum gestellt wird.

Das dem nicht prinzipiell so ist, wissen wir spätestens seit der soeben zu Ende gegangenen Petition mit mehr als 56.000 Unterschriften und den ihr beigefügten Kommentaren; es reicht auch eine simple Recherche in deutschen Dampf-Foren; und zuletzt räumen auch die zunehmenden Befragungen aktiver Dampfer, wie die soeben durchgeführte CASAA-Befragung von 20.000 (!) E-Zigarettennutzern (wir berichten in einem der kommenden Beiträge) letzte diesbezügliche Zweifel aus dem Weg.

Studien, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen, leiden durchgehend an zwei Denkfehlern.

1.Viele Dampfer unternehmen ihre ersten Umstiegsversuche mit E-Zigaretten, die kein befriedigendes Genusserlebnis bieten; sie mögen inzwischen aufgrund eines nochmaligen Anlaufs zufriedene Dampfer sein, fallen jedoch statistisch in die Kategorie der „Gescheiterten“, wenn die Studie sie zum falschen Zeitpunkt erwischt hat.

2.Gleiches gilt für duale User, die in den Studien gerne als „doppelt gefährdet“ kategorisiert werden.

Dualuse Tabak E-Zigarette

Nee, iss klar

Tatsache ist jedoch, dass die meisten Aussteiger aus dem Tabakrauchen zunächst Teilzeit-Dampfer waren und es eben dieser graduelle, selbstbestimmte, zwanglose Rauch-Stopp ist, der die sogenannten „austherapierten“ Raucher doch noch zu Ex-Rauchern werden lässt.

Hinzu kommt: Tabakrauchen ist, wie alle Abhängigkeiten, ein komplexes Phänomen. Was Raucher eint, ist nur die Praxis; ihre Motivationen divergieren stark. Es wird keine Therapie und keine Alternative geben, die bei allen Rauchern greift. E-Zigaretten Kritiker aber implizieren oft, eben dies würden Dampfer behaupten: Dass die E-Zigarette das Ende der Tabakzigarette für alle bedeuten würde – und dass die Tatsache, dass sie dies noch nicht getan hat, Beweis für ihre Wirkungslosigkeit sei. Legt man dieses Kriterium an, dann lassen sich damit auch Nikotinpflaster- und Kaugummis, Hypno- und Verhaltenstherapie sowie Arzneimittel wie Champix vom Tisch fegen.

Woher also kommt diese Obsession mit der scheinbaren Wirkungslosigkeit von E-Zigaretten als „Entwöhnungsmittel“? Nicht von Seiten der Dampfer, das wissen wir.

Machen wir zur Beantwortung dieser Frage einen kleinen Umweg und schauen uns ein sensationelles Projekt an, das in Dampferkreisen bereits viel Aufmerksamkeit erfahren hat: Die Dampf-Doku „A Billion Lives“.

A Billion Lives: Dampf-Doku kommt 2016 ins Kino

2016 wird dieser erste internationale Film übers Dampfen in die Kinos kommen (so sich denn Verleihe dafür finden – falls nicht, ist er kurz darauf als DVD und Stream zu haben): „A Billion Lives“. Die Dokumentation des amerikanischen Filmemachers Aaron Biebert trägt den Untertitel „Eine wahre Geschichte von Regierungsversagen, Geschäftemachern und der Dampfrevolution“ und ist gleichzeitig Enthüllungs- und Aufklärungsfilm. Er rechnet mit den Kontrahenten der
E-Zigarette, ihren Methoden und Netzwerken ab und versucht, einen neutralen und umfassenden Blick auf das Potenzial der E-Zigarette zu werfen.

A Billion Lives

Ich finde die Geschichte hinter dem Film fast genauso interessant wie seinen Inhalt. Aaron Biebert ist weder Raucher noch Dampfer. Er genießt hin und wieder eine Zigarre und hat mit dem Dampfen lediglich im Laufe der Dreharbeiten experimentiert, um zu wissen, wovon er spricht.

Seine Motivation ist nicht persönliche Erfahrung, sondern die Entgeisterung angesichts der weltweiten Diskreditierung und Behinderung eines Produktes, welches, wie der Film hochrechnet, eine Milliarde Menschenleben retten könnte (basierend auf entsprechenden Angaben der WHO).

Biebert beobachtete seine eigenen Freunde beim Dampfen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits selbst auf die mediale Panikmache hereingefallen und fest davon überzeugt, dass die E-Zigarette sie vom Regen in die Traufe schickt. Stichwort „Frostschutzmittel“, ein in Deutschland glücklicherweise fast vergessenes Anti-E-Zigarette Argument, das in den USA aber immer noch kolportiert wird. Zuerst sah Biebert, der den Film nie als Charity-Projekt angegangen ist, hauptsächlich die gute Story. Inzwischen nennt er es eine Win-Win-Situation: Er klärt mit seinem Film über eine innovative, disruptive Technologie auf, die potenziell Millionen Zuschauer direkt betrifft und verdient dabei vernünftiges Geld.

Im Laufe seiner Recherche wurde Biebert allerdings immer klarer, dass er nicht nur über eine disruptive Technologie und ein Grassroots-Movement berichtete, sondern tatsächlich in ein Wespennest aus Korruption und ideologischer Verblendung gestolpert war. Seiner eigenen Aussage nach konnte Biebert die Untiefen an Bestechungen, Unrechtmäßigkeiten und Finanzverflechtungen zunächst nicht fassen.

Besonders schockiert war er, als er das erste Mal auf wissenschaftliche Studien und Artikel renommierter Forscher stieß, die sich im Kontext als offensichtliche (und beauftragte) Lügen heraus kristallisierten, die zu durchschauen einem ungeübten Leser aber außerordentlich schwer fallen dürften.

Director Aaron Biebert A Billion LivesTatsächlich war es auch die im „New England Journal of Medicine“ publizierte und inzwischen berüchtigte, weil der völligen Verfälschung überführte Studie zum Formaldehydgehalt von E-Zigaretten-Dampf, die ihn schlussendlich von der Notwendigkeit des Films in seiner jetzigen Form überzeugte. Schließlich hatte er selbst dieser Studie blind vertraut: „Ich hatte Freunde, die mit dem Rauchen aufhörten, nachdem sie mit E-Zigaretten angefangen hatten; und ich sah voller Sorge, dass E-Zigaretten ja offensichtlich noch viel gefährlicher waren. Nachdem ich ihnen gegenüber aber die Studie zitiert hatte, zeigten sie mir stattdessen wesentlich präzisere, wissenschaftliche Daten, die die gesamte Untersuchung klar widerlegten: Sie kam nur zu den zitierten Ergebnissen, wenn das Liquid maßlos überhitzt wurde. Mir wurde klar, dass die ganze Studie einfach ein Betrug war.“

Biebert grub tiefer. Warum, fragte er sich, feiern Wissenschaftler die E-Zigarette nicht frenetisch, wenn sie doch das Potenzial hat, die prognostizierten eine Milliarde rauch-bedingte Todesfälle in diesem Jahrhundert auf ein Minimum zu senken?

Auf der Suche nach den Ursachen, betont der Filmemacher immer wieder, stellte er etwas verblüffendes fest: Es war und ist nicht in erster Linie Big Tobacco, bei denen er die größten Barrieren für die freie Verbreitung der E-Zigarette sieht. Biebert argumentiert „Ich bin kein Fan von Big Tobacco, aber ich halte die Konzerne trotzdem nicht für den größten Feind des Dampfens. Diese Unternehmen wollen Geld machen – das ist ein Motiv, auf das wir uns verlassen können. Sie beginnen damit, E-Zigaretten herzustellen. Beim „Global Forum for Nicotine“ saß ich neben dem Vizepräsidenten einer der großen Tabakkonzerne. Er ließ mich wissen dass seine Firma so schnell wie möglich weitestgehende Kapazitäten auf die E-Zigarette verlagern wolle, weil sie dort einfach mehr Geld vermuten“.

Damit kommt Biebert an der für mich wichtigsten Einsicht des Films an, Grund genug, seine Verbreitung auch in Deutschland so gut wie möglich zu unterstützen. Er führt aus, dass vielmehr eine Verflechtung aus Big Pharma, Regierungen, Gesundheits- und Rauchstop-Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen sowie den großen Anwaltskanzleien für die Verleumdung der E-Zigarette verantwortlich sind.

Für Pharma bedeutet die freie E-Zigarette einen Milliardenverlust

Meiner Ansicht nach legt „A Billion Lives“ hier einmal mehr den Finger auf den eigentlichen wunden Punkt der E-Zigarette, sozusagen ihre Achillesferse: Sie hat das Potenzial, die Pharmakonzerne um Milliarden an Einnahmen zu bringen.

Dabei könnte sie nicht nur alle anderen Nikotinersatz-Therapien ein für alle mal auszurotten. Das an sich wäre schon ein herber Schlag für Pfizer & Co., schließlich geht es um fünf bis sechs Milliarden Euro Gesamtumsatz weltweit.

Viel schmerzlicher jedoch würde es die Pharmaunternehmen treffen, wenn die Zahl der an Rauchfolgen Erkrankten nennenswert zurückgehen würden.

Hier reden wir tatsächlich von möglichen Umsatzeinbußen, die Big Pharma nicht einfach so abschreiben könnte: Chemotherapie-Medikamente, Medikamente für chronische Bronchitis und andere Atemwegs- und Lungenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Medikamente und Behandlungsangebote für sekundäre Erkrankungen, die durch das Rauchen verschlimmert werden, wie etwa zu hoher Blutdruck und Cholesterin oder Diabetes. Hinzu kommen die Umsätze per Behandlungsdauer von rauch-induzierten Krankheiten in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen.

Zusammengenommen werden diese direkt und indirekt durch Tabakzigarettenkonsum verursachten Umsätze der Pharmaindustrie weltweit auf Hundert Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Interne Korrespondenzen von Unternehmensberatern haben den möglichen Umsatzverlust durch eine weiterhin steigende Zahl von Umsteigern auf die E-Zigarette auf 50% geschätzt.

Das Problem an dieser an sich recht einfachen Gegenrechnung, die ja tatsächlich intern vorgenommen wurde: Niemand wagt offen, sie zu diskutieren. Den großen Pharmakonzernen vorzuwerfen, sie würden den Niedergang der E-Zigarette aktiv vorantreiben, um weiterhin an den Folgen des gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums verdienen zu können, kommt dem Vorwurf der Körperverletzung gleich. Es klingt außerdem so unangenehm nach Verschwörungstheorie, dass man in Folge befürchten muss, generell nicht mehr für voll genommen zu werden.

Lassen wir diese Vermutung deshalb einfach mal im Raum stehen – und unternehmen einen historischen Ausflug in die Geschichte dieses „Desinteresses“ von Big Pharma an der E-Zigarette, das vor 2013 ganz im Gegenteil noch eine fieberhafte Leidenschaft für die Dampftechnologie gewesen war.

Vom Paulus zum Saulus

Tatsächlich sah es bis dahin für die Pharmaindustrie in Deutschland ganz so aus, als ob sie sich langfristig und mit Unterstützung von DKFZ, WHO, EU und dem Bund das Monopol auf die lukrative Erfindung elektrische Zigarette würde sichern können – indem sie als Medikament deklariert und der Arzneimittelverordnung untergeordnet werden würde.

Pharmaindustrie in DeutschlandDas DKFZ äußerte sich entsprechend wohlwollend über die Möglichkeiten der E-Zigarette, streng pharmazeutisch reguliert zur Rauchentwöhnung eingesetzt zu werden. Das deutsche Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bot an, während der Wartezeit auf die entsprechenden Rechtsgrundlagen und EU-Entscheidungen, großzügig die EU-Heilmittelrichtlinie 2001/83 EG anzuwenden. Diese erstreckt sich auch auf Nikotin und schien so die ideale juristische Fassade, um der E-Zigarette den Status eines „Heilmittels“ zuzusprechen. Dass dieser Logik folgend auch Zigaretten, Zigarren und Tabak zu Heilmitteln mit Apothekenbindung würden, störte das BfArM wenig.

Gleichzeitig war die Entwicklung der neuen EU-Tabakproduktdirektive (TPD) in vollem Gange.

Die Pharmaunternehmen gaben Hunderttausende für die entsprechende Lobbyarbeit aus, wie sich anhand von dem neuen Transparenz-Akt unterliegenden Dokumenten inzwischen nachvollziehen lässt. Sie setzten alles daran, E-Zigaretten auf europäischer Ebene als Arzneimittel einstufen zu lassen.

Ein Schreiben des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline, der Herstellerin der Marke „Nicorette“, fasst die Anliegen aller Pharmaunternehmen schön zusammen, die diese einzeln und gemeinsam unmissverständlich verschiedensten Entscheidungsträgern innerhalb des TPD-Prozesses übermittelt haben.

Schreiben des Pharmakonzerns GlaxoSmithKlineDoch dann kam für die Pharma-Riesen der Supergau: Sie konnten sich in der TPD Gestaltung nicht durchsetzen. Stattdessen nahm diese eine Form an, die eher die E-Zigaretten-Produktion der Tabakkonzerne zu begünstigen schien. So gut wie gleichzeitig erging in Deutschland ein abschließendes Gerichtsurteil gegen die Klassifizierung der E-Zigarette als Arzneimittel.

2013/ 2014 bekamen die Pharmakonzerne auch zum ersten Mal die unmittelbare Wucht der E-Zigarette zu spüren. Das renommierte Marktforschungsunternehmen Mintel stellte für 2014 in Großbritannien fest, dass in diesem Jahr zum ersten Mal seit Erhebung des Gesamtumsatzes von Nikotinersatztherapien deren Einnahmen gefallen waren – und zwar um 4%. Parallel dazu hatte der E-Zigarettenmarkt global expandiert – und zwar ebenfalls um genau 4%.

Gleichzeitig zeigten die ersten repräsentativen Untersuchungen weltweit, dass die E-Zigarette als „selbst verschriebene“ Alternative immer mehr an Beliebtheit gewann – eben deshalb, weil sie in Fällen zum Rauch-Stop verhalf, in denen keine andere Therapie angeschlagen hatte.

Genug zwingende Gründe für eine 180°-Drehung der Pharmakonzerne.

Nun stoßen wir auf eine der vielen bitteren Ironien in der noch jungen Geschichte der E-Zigarette.

Seitdem sich weltweit Anti-Rauch-Kampagnen gegründet und bestehende Gesundheitsorganisationen oder Ärztevereinigungen sich der Bekämpfung der Tabakzigarette verschrieben haben, wurden diese finanziell von den großen Pharmakonzernen unterstützt. In Europa und auch Deutschland im Speziellen von den Unternehmen Pfizer, GlaxoSmithKline ( auch SmithKline Beecham und und Glaxo Wellcome) und McNeil, außerdem Mitbewerbern wie Ciba-Geigy, Lederle Laboratories, Elan Pharmaceutical und Pharmacia. Diese Unternehmen

• instigieren und subventionieren Anti-Tabak Konferenzen, Kongresse, Workshops und Weiterbildungen
• finanzieren Forschungsprojekte und Studien sowie die Erarbeitung wissenschaftlicher Programme zur Rauchentwöhnung unter Zuhilfenahme ihrer Produkte
• halten sich Mediziner und Wissenschaftler als „freie Berater“ oder Leiter interner Forschungsabteilungen, die außerdem bewusst weiterhin als Akademiker tätig sind und Regierungen sowie große NGOs beraten
• spenden Millionen an Anti-Rauch-Organisationen, die in vielen Fälle an exakte Vorgaben bezüglich deren Lobbyarbeit geknüpft sind

Jahrzehnte lief diese Verzahnung der Pharmariesen und Gesundheitsorganisationen als „weiße Bestechung“. Sie unterminierte zwar die Neutralität und Unabhängigkeit der beteiligten Institutionen. Da das Ergebnis aber die Rettung von Menschenleben war, da sich so eine globale Aufklärungspolitik über die Probleme des Tabakkonsums durchsetzen ließ, da der Zigarettenkonsum in Folge kontinuierlich sank und damit auch die Belastungen der öffentlichen Gesundheitssysteme, hatte diese Allianz wenige Gegner. Zwar mahnte die WHO von Zeit zu Zeit an (zuletzt 2011), die Abhängigkeit möge nicht „zu weit“ gehen, aber „zu weit“ aus dem Glashaus-Fenster konnte sie sich selbst nicht lehnen – auch in ihren eigenen Reihen konnten schnell entsprechende Finanzierungsmuster ausgemacht werden, wenn man danach suchte.

Nicorette wirbt gegen E-Zigarette

Strategie #1: Zu offensichtlich. Aber man soll ja nichts unversucht lassen

Als klar wurde, dass das Milliardengeschäft „E-Zigarette“ den Pharma-Unternehmen nicht exklusiv und auf Jahrzehnte gesichert zugestanden werden, sondern die E-Zigarette ganz im Gegenteil einen langfristigen Umsatzeinbruch von zig Milliarden jährlich bedeuten würde, schwenkte Big Pharma quasi über Nacht um. Konnte sie selbst die E-Zigarette nicht in ihre heiligen Hallen einkerkern, dann sollte auch niemand anders davon profitieren.

Die Strategie der „Risiko-Fabrikation“

Hierfür gab es nur einen Weg: Die E-Zigarette musste durch die zuständigen Regierungen derart zwangsreguliert werden, dass sie für Raucher uninteressant werden würde. Dies jedoch konnte nur erreicht werden, wenn die Entscheidungsträger (also Politiker und deren Berater) davon überzeugt werden könnten, dass von der E-Zigarette Gefahren für Leib und Leben ausgingen – je mehr, desto besser.

Und wer wäre für diese Überzeugungsarbeit besser geeignet, als die treuen und langjährigen Kooperationspartner der Pharmaindustrie, die Anti-Tabak-Organisationen und die in ihrem Dunstkreis operierenden Wissenschaftler?

Jahrzehntelang hatten diese sich eine weiße Weste erarbeitet, hatten im Namen der Bürger und vor allem der Schutzbedürftigen, also Kindern, Jugendlichen, Schwangeren und passiven Dritten gekämpft – und das mit Pharma-Geldern.

Nun wurde diese reibungslos funktionierende „heilige“ Allianz zu einer sehr unheiligen, und zwar innerhalb weniger Monate.

Ab 2013 schwenkten alle von Big Pharma finanzierten Organisationen, Kampagnen, Wissenschaftler und Forschungszentren um und fingen an, die vermeintlich tödlichen Risiken des Dampfens lautstark hervorzuheben. Big Pharma investierte zusätzlich hohe Beträge in die Konstruktion einer medialen Legendenbildung, die die ad hoc produzierten „Forschungsergebnisse“ verbreitete.

Zunächst kamen die Pharma-Strategen auf das Offensichtliche: Es müsste doch ein Leichtes sein, die relative Erfolglosigkeit der E-Zigarette als Entwöhnungsmittel nachzuweisen.

Es ist frappierend, wie viele entsprechende „Studien“ und „Befragungen“ mit diesem Ergebnis plötzlich den akademischen Raum schwemmten. Betrachtete man sie allerdings genauer, wiesen sie durch die Bank gravierende wissenschaftliche Mängel auf. Es ist deshalb auch nicht überraschend, dass alle im Lauf der letzten Jahre durchgeführten, seriösen Studien zum Umstiegsverhalten von Rauchern zu genau gegenteiligen Ergebnissen kamen.

Pharma wurde klar: Hier hatten sie auf das falsche Pferd gesetzt.

Also entwickelten sie einen faszinierenden, zweiten Schachzug. Statt die E-Zigarette an und für zu verteufeln (was naturgemäß recht schwer gefallen wäre), lenkten sie den „Entwöhnungs“-Zug, auf den sie eigentlich selbst gern aufgesprungen wären, einfach um – und stülpten der E-Zigarette schlicht das bereits hervorragend eingeführte, „gekannte“ Feindbild „Tabakindustrie“ über.

Genial.

Quasi aus dem Nichts wurde die E-Zigarette auf allen stattfindenden Konferenzen und in Vorträgen als „Produkt der Tabakindustrie“präsentiert.

Produkt der Tabakindustrie

Dutzende von weltweit stattfindenden „Konferenzen für Tabakkontrolle“ (um hier mal die spezifische Bezeichnung der DKFZ zu übernehmen) waren auf einmal gespickt mit Vorträgen wie diesen, in dem Dr. Pötschke-Langer vom DKFZ die E-Zigarette zur Rettung der doch eigentlich dank ihrer und anderer Aktivisten Arbeit schon dem Untergang geweihten Tabakindustrie stilisiert.

Die Rettung der Pharma IndustrieUm die scheinbare neue Horror-Duo „Tabakindustrie-E-Zigarette“ mit Bildern zu füttern, wurden weitere Legenden von bezahlten Wissenschaftlern an wissenschaftlich nur sehr dünn ummantelten Haaren herbei geschrieben (ich weiß, wie das klingt; wer mag, kann gerne eine Liste der entsprechenden Studien plus nachweislicher Verzahnung der Autoren mit Pharma-Geldgebern anfordern). Typische Behauptungen aus diesem argumentativen Dunstkreis:

• Die E-Zigarette imitiere Rauchverhalten und würde deshalb zur Wiederaufnahme des Rauchens animieren
• Durch die Ähnlichkeit von E-Zigarette und Tabakzigarette würden Nichtraucher zunächst zum Dampfen und hierdurch zum Rauchen animiert werden („Gateway-Effekt“)
• Die Werbung und Verpackungen der E-Zigarette würde bewusst Tabakprodukten nachempfunden sein
• E-Zigaretten-Konsum in der Öffentlichkeit würden das Rauchen re-normalisieren
• Das in den E-Zigaretten enthaltene Nikotin sei, wie aus dem Konsum von Tabakzigaretten bekannt, krebserregend und für eine Reihe chronischer Erkrankungen verantwortlich

Keine dieser Behauptungen, und keine der sie unterfütterternden Studien, haben bisher einer genaueren wissenschaftlichen Betrachtung standgehalten. In den meisten Fällen wurde abermals das genaue Gegenteil nachgewiesen.

Doch hier ging es nicht um Wahrheitsgehalt.

Hier ging es darum, die vorausgesetzte Legitimität der Quellen und ein etabliertes Feindbild auszunutzen, um Behauptungen so schnell wie möglich medial zu multiplizieren und den gesetzgebenden Institutionen als belastbares Datenmaterial zu verkaufen.

Mit diesem Schachzug waren und sind die Pharmaunternehmen, wie wir wissen, mehr als erfolgreich.

Und da diese Strategie nach wie vor läuft wie geschmiert, scheut diese unheilige Allianz aus Pharma, Anti-Tabak-Aktivisten und schließlich Regierungen auch nicht mehr davor zurück, aktiv Zensur zu verlangen, sobald ihrem Mythengebäude der ein öffentlicher Angriff droht.

Dies äußert sich in irrwitzigen Unterlassungsklagen wie der von Dr. Pötschke-Langer gegenüber der Firma iSmokeSmart ausgesprochenen (und nicht stattgegebenen).

Dies geht soweit, dass Facebook im Dezember 2015 dazu angehalten wurde – und dem auch entsprach – die „100 Billion-Live“ Doku als „Tabakprodukt“ zu klassifizieren und nicht länger zu bewerben.

Facebook zensiert A Billion Lives

Mit anderen Worten: Ein Film, der nicht nur (wie erwünscht) die Tabakindustrie harsch kritisiert, sondern eben auch Big Pharma und deren Involvierung mit großen NGOs und Regierungen weltweit entlarvt, wird selbst als Tabakprodukt zensiert.

Facebook verbot offiziell alle weitere Werbung für den Film auf seinen Plattformen. Auf Nachfrage sagten Sprecher des Unternehmens zunächst, der Film handle vom Dampfen und das „Dampfen sei mit dem Tabak verwandt und Tabakprodukte dürften nun mal keine Werbung auf Facebook machen“.

Filmemacher Aaron Biebert schrieb daraufhin einen offenen Brief an Mark Zuckerberg und Facebook: „Sie nennen unseren Film ein Tabakprodukt, während wir damit Menschen helfen wollen, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie versprechen, die Welt mit Facebook zu einem offeneren Ort zu machen, verschließen sie aber vor der Wahrheit.“

Ein internationaler Aufschrei der Dampfszene überzeugte Facebook schließlich davon, diese Argumentation fallen zu lassen und der Werbung stattzugeben – obwohl das Unternehmen seine Entscheidung zunächst als irreversibel kommuniziert hatte.

Wir brauchen einen pharma-unabhängigen Diskurs

Die Frage, die Biebert immer wieder im Film stellt, ist: Wie können wir die Freiheit des Dampfens im Angesicht dieser Einflussnahme verteidigen? Wer ist dafür verantwortlich und welche Mittel stehen dafür zur Verfügung? Die Dokumentation soll auch verhärtete Fronten aufbrechen und den dringend nötigen, auf Eis gelegten Dialog zwischen Dampf-Kritikern und Dampf-Aktivisten wieder anregen.

Dies ist tatsächlich dringend nötig, um den Geldern der Pharmaindustrie etwas entgegenzustellen. Denn eines denke ich nach wie vor: Vielen Anti-Rauch-Aktivisten geht es tatsächlich noch immer um die Gesundheit der Bevölkerung und nicht um das angenehme Gut-Mensch-Polster aus Pharma-Subventionen, was ihnen die Arbeit so kuschelig gemacht hat in den letzten Jahrzehnten.

Wir brauchen einen pharma-unabhängigen DiskursDas Problem für diese Aktivisten ist die Abstinenz-Ideologie, von der sie sich nur schwer trennen können. Die „Quit-or-Die“-Parole ist zum paradigmatischen Fundament so gut wie aller Tabak-Gegner geworden – verständlicherweise, denn es ist eine einfache, digitale Entweder/Oder-Botschaft, die sich zielführend kommunizieren lässt und keine Umwege oder Ambivalenzen kennt. Und es ist eine Botschaft, die Big Pharma sehr entgegenkommt – schließlich führt sie in die oft lebenslange Abhängigkeit von Nikotinpflastern und vor allem Kaugummis und lässt auch die katastrophalen Nebenwirkungen von Champix & Co. als immer-noch-bessere Alternative bestehen.

Der Harm-Reduction Ansatz, der durch den Umstieg auf nikotinhaltige E-Zigaretten personifiziert wird, ist unvereinbar mit der Enthaltsamkeitsbotschaft, die den Anti-Tabak-Diskurs bisher bestimmt hat – und gleichzeitig identitätsstiftend für ganze Organisationen geworden ist. Dennoch müssen Dampf-Aktivisten einen Weg finden, sich mit Anti-Tabak-Organisationen auf ein neues „Story-Telling“ zu einigen – eines, dass nicht von den Märchenabteilungen der Pharmakonzerne quer-finanziert wird.

Das gleiche gilt für den Umgang mit deutschen und europäischen Politikern. Unglücklicherweise bezieht sich die Bundesregierung in ihren Entscheidungsfindungsprozessen zur E-Zigaretten-Gesetzgebung auf Quellen, die die hundertprozentige Verkörperung aller vorab beschriebenen Verflechtungen sind: die EU-Kommission mit ihren entsprechenden Ausschüssen, das DKFZ (und mit ihm die WHO) und das BfR.

Wir brauchen Filme wie „A Billion Lives“, wir brauchen aufklärende, eigene Verbände und Organisationen, um den Diskurs um die E-Zigarette aus der Umklammerung durch Big Pharma und Anti-Tabak-Fundamentalisten, befehlstreue Medien und entweder populistische oder informationsfaule Politiker zu befreien. Und wir brauchen Dampfer, die nicht aufgeben.

Weiterführende Links
A Billion Lives
Letter to Facebook & Mark Zuckerberg

Nachweise Lobbyismus
Ask the EU

Nachweis Millionenspenden
Tobaccoanalysis

Erfolg der E-Zigarette als Rauch-Stop-Hilfe
Wiley Online Library

Weitere Themen
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7 comments

  1. woelfchen63

    Wenn die Tabakindustrie da mitmischt – mitmischen soll, am besten in Alleinstellung – kann man doch sicher sein, dass wieder Dreck und Suchtzusatzstoffe beigemischt werden. Wem soll den damit gedient sein?

  2. Verärgerter Dampfer

    Uff, hatte dieses Kapitel zum e-cig-mobbing schon erfolgreich verdrängt ….

    …. jetzt habe ich aber ein krasses deja-vu und bin wieder sowas von wütend …

    Hier ein Bericht über einen WDR-Beitrag aus 2011, wo ein Lungenfacharzt darauf hinweist, dass eine e-cig kein Ersatz für Medikamente und Therapien zur Rauchentwöhnung ist, die alle gaaaanz toll und suuuper erfolgreich sind.

    D.h. die schrauben schon echt lange an dem Thema …

    Der ganze Beitrag ist sehenswert, bigP wird ab 19:45 beworben:

    https://www.youtube.com/watch?v=8hcJ7X4o2-4
    (und 19:20: Die e-cig ist „sozial unerwünscht“ – boah)

    so, ich geh jetzt dampfen… 😉 … und hoffe auf A BILLION LIVES

  3. Norman

    Vielen Dank für diesen Text, der leicht verständlich ein umfassendes Bild aus vielen einzelnen Fakten und Vorkommnissen zeichnet.

  4. Ein sehr langer Artikel, der viele Beobachtungen zu einem Bild zusammen fügt.

    Dass die Pharmaindustrie und nicht die Tabakindustrie ausschlaggebend sind, ist ja völlig klar.
    Denn die Pharmaindustrie hat ja die mächtigeren Helfer: die Medien.

    Denn die Medien haben von der Tabakindustrie keine Einnahmen durch Werbung zu erwarten, sondern von der Pharmaindustrie.

    Nicht umsonst ist „Gesundheit“ die neue Religion der Gesellschaft. Man muss sich nur mal anschauen, welche Werbung in den Öffentlich-Rechtlichen kommt.

    Dem kommt noch entgegen, dass die Medien in den kommerziellen Sozialen Netzen entsprechend hofiert werden. Diese Bedanken sich dafür, indem sie den Eindruck erwecken, dass man einfach in den SN sein müsse.

    Will sagen: Was abläuft, ist zwar eine Sauerei, aber trotz Identifizierung der Ursachen nicht so leicht aufzuhalten, weil zu viele weitere Prozesse sie erst mit möglich gemacht haben, die ebenfalls fragwürdig sind.

    Oben werden Anwaltskanzleien kurz mit genannt. Ich denke, gerade die kleinen, stehen seit langem in den Startlöchern und reiben sich voller Vorfreude die Hände. Schließlich gibt es weltweit kein solch lukratives Geschäftsmodell für Anwälte, wie in Deutschland.

    Trotzdem werden viele Dampfer weiterhin so aktiv sein, wie es ihnen nur möglich ist.
    Zusammen haben wir sogar die Petition 61543 gestemmt.
    Nun wäre wichtig, nicht auseinander zu laufen, sondern nebeneinander weiter zu gehen.

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