Trumps Zugriff auf die Energieversorgung: Werden Öl und Gas zum politischen Druckmittel?

Trumps Zugriff auf die Energieversorgung: Werden Öl und Gas zum politischen Druckmittel?

Nach Venezuela rückt auch russisches Erdgas in den Fokus der amerikanischen Regierung. US-Unternehmen könnten künftig russisches Gas nach Europa verkaufen und dabei die Zahlungsströme kontrollieren. Der Vorschlag passt zu einer Energiepolitik, mit der Donald Trump wirtschaftlichen und politischen Einfluss ausübt. Für Europa stellt sich die Frage, ob die Abhängigkeit von russischen Lieferungen künftig durch eine stärkere Abhängigkeit von amerikanischen Handelsunternehmen ersetzt wird.

Nach Venezuela jetzt russisches Erdgas

Anfang November 2026 berichtete das Wall Street Journal über einen amerikanischen Vorschlag, russische Erdgaslieferungen durch ukrainische Pipelines nach Europa wieder aufzunehmen. Anders als früher sollen amerikanische Unternehmen als Zwischenhändler auftreten.

Trumps Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff sollen die Idee bereits im September bei Gesprächen in Moskau und Kiew vorgebracht haben.

Russland könnte dadurch wieder Zugang zum europäischen Gasmarkt erhalten, während die Ukraine Transitgebühren verdienen würde. Die Verkaufserlöse sollen zunächst auf Treuhandkonten fließen. Russland könnte erst darauf zugreifen, wenn vereinbarte Bedingungen für einen Waffenstillstand erfüllt sind.

Ein Abkommen existiert bislang nicht. Auch eine Zustimmung der Europäischen Union liegt nicht vor.

Venezuela: Kontrolle über Ölverkäufe und Einnahmen

In Venezuela verfolgt die Trump-Regierung bereits eine Politik, bei der die Vermarktung von Erdöl zur Durchsetzung politischer Interessen eingesetzt wird.

Nach der amerikanischen Militärintervention Anfang Januar 2026 erklärte US-Energieminister Chris Wright, Washington müsse den Verkauf venezolanischen Erdöls und die daraus erzielten Einnahmen auf unbestimmte Zeit kontrollieren.

Die Erlöse sollen über von den USA kontrollierte Konten abgewickelt werden. Damit will Washington Einfluss auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung Venezuelas nehmen.

Vizepräsident JD Vance stellte ebenfalls einen Zusammenhang zwischen der Kontrolle der Energieexporte und dem politischen Druck auf die venezolanische Regierung her.

Venezuela verfügt über die weltweit größten nachgewiesenen Erdölreserven. Die tatsächliche Förderung liegt wegen jahrelanger Unterinvestitionen allerdings weit unter dem möglichen Produktionsniveau.

Die amerikanische Kontrolle der Vermarktung eröffnet US-Unternehmen wirtschaftliche Möglichkeiten und verschafft Washington politischen Einfluss, ohne dass die Vereinigten Staaten Eigentümer sämtlicher venezolanischer Ölvorkommen sein müssen.

Warum soll Europa russisches Gas über US-Händler kaufen?

Wenn die Europäische Union ihre Importverbote aufheben und wieder russisches Erdgas beziehen wollte, könnte sie grundsätzlich auch direkt bei russischen Unternehmen einkaufen.

Ein amerikanischer Zwischenhändler ist für den Gastransport nicht notwendig.

Er könnte jedoch das Gas einkaufen, an europäische Abnehmer weiterverkaufen und dabei eine Handelsmarge verdienen. Gleichzeitig könnten amerikanische Unternehmen die Zahlungsabwicklung übernehmen.

Das vorgesehene Treuhandmodell soll verhindern, dass Russland unmittelbar über sämtliche Verkaufserlöse verfügen kann. Dafür wäre allerdings kein amerikanischer Zwischenhändler erforderlich. Eine entsprechende Zahlungsabwicklung könnte auch über europäische oder internationale Finanzinstitutionen organisiert werden.

Der zusätzliche wirtschaftliche Nutzen für Europa ist bislang nicht belegt. Amerikanische Handelsunternehmen könnten dagegen unmittelbar an den Geschäften verdienen.

Europa hat seine Abhängigkeit von Russland reduziert

Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine stammten rund 45 Prozent der europäischen Gasimporte aus Russland. Seit 2022 hat die EU diese Abhängigkeit erheblich verringert.

An die Stelle russischer Pipelineimporte traten unter anderem Lieferungen aus Norwegen und zusätzliche Flüssigerdgasimporte. Besonders die USA entwickelten sich zu einem wichtigen LNG-Lieferanten.

Der europäische Ausstieg aus russischem Gas ist inzwischen gesetzlich geregelt. Für langfristige LNG-Verträge gilt grundsätzlich ein Importverbot ab Januar 2027, für langfristige Pipelineverträge ab Ende September 2027. Unter bestimmten Voraussetzungen verlängert sich die letzte Frist bis November.

Die russische Herkunft des Erdgases bleibt auch dann relevant, wenn ein amerikanisches Unternehmen als Verkäufer auftritt. Der Vorschlag würde deshalb Änderungen der europäischen Rechtslage oder eine rechtlich zulässige Ausnahme voraussetzen.

Könnte Trump LNG-Lieferungen als Druckmittel einsetzen?

Die starke Stellung amerikanischer LNG-Lieferanten eröffnet Washington theoretisch eine weitere Möglichkeit, Einfluss auf europäische Entscheidungen zu nehmen.

Sollte die EU einen amerikanisch vermittelten Gasvertrag mit Russland ablehnen, könnte die US-Regierung versuchen, mit Einschränkungen amerikanischer LNG-Exporte politischen Druck auszuüben.

Für eine entsprechende Drohung gibt es bislang keinen Beleg. Es handelt sich um ein denkbares Szenario, nicht um eine angekündigte Maßnahme.

Die Folgen einer tatsächlichen Lieferbeschränkung könnten erheblich sein. Europa benötigt große Mengen importierten Erdgases. Bei niedrigen Speicherständen und einer angespannten weltweiten Versorgung könnten ausfallende LNG-Mengen die europäischen Gaspreise zusätzlich erhöhen.

Allerdings werden amerikanische LNG-Lieferungen überwiegend von privaten Unternehmen auf Grundlage bestehender Verträge abgewickelt. Die US-Regierung könnte diese Geschäfte nicht ohne rechtliche und wirtschaftliche Konsequenzen unterbrechen.

Exportbeschränkungen würden auch amerikanische Produzenten und Investoren treffen. Zudem könnten europäische Abnehmer verstärkt nach alternativen Lieferanten suchen.

Ein LNG-Lieferstopp wäre deshalb kein kostenloses Druckmittel für Washington.

Eine neue Abhängigkeit vom amerikanischen Energiehandel

Sollten amerikanische Unternehmen künftig auch russisches Erdgas nach Europa vermarkten, würden die USA an zwei wichtigen Lieferwegen verdienen: am Export eigenen Flüssigerdgases und am Zwischenhandel mit russischem Pipelinegas.

Für europäische Abnehmer würde sich damit die Herkunft der Energie unterscheiden, während ein größerer Teil der Handelsbeziehungen über amerikanische Unternehmen laufen könnte.

Washington müsste dafür weder russische Gasfelder besitzen noch europäische Pipelines betreiben.

Die Kontrolle über Lieferverträge und Zahlungsströme kann ausreichen, um wirtschaftlichen Einfluss auszuüben.

In Venezuela setzt die Trump-Regierung dieses Prinzip bereits bei der Vermarktung von Erdöl ein. Beim russischen Gasgeschäft ist eine vergleichbare Rolle amerikanischer Unternehmen bislang lediglich Gegenstand eines Vorschlags.

Trumps Energiepolitik: Wirtschaftliche Interessen und geopolitischer Einfluss

Die amerikanische Regierung verfolgt unter dem Begriff „American Energy Dominance“ ausdrücklich das Ziel, die Stellung der USA auf den internationalen Energiemärkten auszubauen.

Die Politik gegenüber Venezuela und der Vorschlag für russische Gaslieferungen zeigen unterschiedliche Wege, auf denen Washington Einfluss auf ausländische Energieressourcen gewinnen kann.

In Venezuela betrifft dies die Kontrolle der Ölverkäufe und Einnahmen. Beim russischen Erdgas wären amerikanische Unternehmen an der Vermarktung und möglicherweise an der Freigabe der Erlöse beteiligt.

Ob Trump damit eine umfassende Kontrolle der internationalen Energieversorgung anstrebt, lässt sich nicht belegen. Die wirtschaftlichen und politischen Vorteile solcher Handelsstrukturen sind jedoch erkennbar.

Fazit: Europa braucht unabhängige Energiehandelsstrukturen

Eine Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen über amerikanische Zwischenhändler würde Europas Abhängigkeit von russischen Energieressourcen nicht beseitigen. Sie könnte zusätzlich die Stellung amerikanischer Unternehmen im europäischen Gashandel stärken.

Ob das vorgeschlagene Modell einen Beitrag zum Frieden in der Ukraine leisten oder europäische Energiepreise senken würde, ist offen.

Die amerikanische Politik gegenüber Venezuela zeigt bereits, dass Washington die Kontrolle über Energieverkäufe als politisches Instrument einsetzt. Eine vergleichbare Einflussnahme auf europäische Gasimporte wäre wirtschaftlich und geopolitisch von erheblicher Bedeutung.

Für Europa reicht es deshalb nicht, Erdgas aus unterschiedlichen Förderländern zu beziehen. Auch Lieferverträge, Transportwege und Handelsstrukturen müssen so gestaltet werden, dass einzelne Staaten möglichst wenig politischen Druck auf die Energieversorgung ausüben können.

Der Ausbau erneuerbarer Energien, eine geringere Abhängigkeit von Erdgas und eine breitere Verteilung der Energieimporte würden diese Risiken reduzieren.

Wer den Energiehandel kontrolliert, kann politischen Einfluss ausüben – auch ohne die Energiequellen selbst zu besitzen.


Quellen

  1. Wall Street Journal, 2. November 2026 – US-Vorschlag für russische Gaslieferungen über die Ukraine
  2. Reuters, 7. Januar 2026 – Amerikanische Kontrolle venezolanischer Ölverkäufe
  3. ACER – Europäischer Gasmarkt und Ausstieg aus russischen Importen
  4. EUR-Lex – Verordnung (EU) 2026/261