Kernfusion oder Stromnetz: Wer verschwendet hier Steuergelder?
Bayern investiert zwei Milliarden Euro in einen Fusionsreaktor, der frühestens 2050 Strom liefern könnte. Gleichzeitig fehlen Hunderte Milliarden für den Netzausbau, der die Energiewende heute blockiert. Eine Analyse.
Das Versprechen: Bayerns Fusionsreaktor bis 2035
CSU-Chef Markus Söder hat Großes vor: Bayern will gemeinsam mit dem Start-up Proxima Fusion den ersten funktionsfähigen Kernfusionsreaktor der Welt bauen – und das bis Mitte der 2030er Jahre. Zwei Milliarden Euro sind dafür veranschlagt: 400 Millionen vom Freistaat, 1,2 Milliarden vom Bund, 400 Millionen von privaten Investoren.
Proxima Fusion, 2023 als Spin-out des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik gegründet, setzt dabei auf den Stellarator – eine ringförmige Anlage, bei der das Magnetfeld von außen um das heiße Plasma gelegt wird. Das Prinzip gilt in der Fachwelt als technisch ausgereifter als der konkurrierende Tokamak-Ansatz des internationalen ITER-Projekts in Südfrankreich.
Bundeskanzler Friedrich Merz legte im Frühjahr 2025 nach: Ein nationaler Fusionsaktionsplan sieht über zwei Milliarden Euro bis 2029 vor, davon 755 Millionen für eine Pilotanlage. Die politische Botschaft ist klar: Deutschland will diesmal beim nächsten großen Technologiesprung vorne dabei sein.
Die Physik spricht eine andere Sprache
Der Münchner Plasma- und Astrophysiker Harald Lesch – selbst Spezialist auf diesem Gebiet – hält die Pläne für wissenschaftlich unhaltbar. Seine Kritik ist dreistufig:
- Zeitplan unrealistisch: Sibylle Günter, Generaldirektorin des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hält kommerziellen Fusionsstrom vor 2050 für ausgeschlossen. Von der Gründung eines Start-ups zum ersten Kraftwerk in acht Jahren hat in der Industriegeschichte kein Pendant.
- Kosten unterschätzt: ITER in Cadarache, seit 2007 im Bau und immer noch kein funktionsfähiger Reaktor, kostet rund 20 Milliarden Euro. Wie man denselben Effekt auf ein Zehntel des Preises erreichen will, bleibt ungeklärt.
- Systemfremde Technologie: Fusionskraftwerke sind auf Dauerbetrieb ausgelegt. Das heutige Energiesystem braucht aber flexible, schaltbare Kapazitäten – keine weiteren Grundlastmonstren mit 20-Milliarden-Investitionskosten.
„Mit zwei Milliarden wird man keinen Kernfusionsreaktor bauen. Beim ITER spricht man eher von 20 Milliarden Euro. Ich weiß nicht, wie sich die Kosten auf ein Zehntel reduzieren sollen – das muss irgendeine Magie sein.“
— Prof. Harald Lesch, Plasma- und Astrophysiker, LMU München
Das eigentliche Problem: 600 Milliarden fehlen im Stromnetz
Während die Politik über Fusionsreaktoren diskutiert, bröckelt die Grundlage der Energiewende: das Stromnetz. Die Zahlen sind alarmierend.
| Investitionsbedarf | Betrag | Wirkung |
| Kernfusion Bayern/Bund | ~2 Mrd. € | Frühestens 2050+ |
| Übertragungsnetz bis 2045 | ~360 Mrd. € | Sofort wirksam |
| Verteilnetz bis 2045 | ~120–430 Mrd. € | Sofort wirksam |
| Smart Meter (28 Mio. HH) | Pflichtausbau bis 2032 | Stockend |
Allein die Kosten für Netzengpässe – also Strom, der produziert wird, aber nicht transportiert werden kann – sind zwischen 2019 und 2023 von 1,3 auf über drei Milliarden Euro pro Jahr gestiegen. Jedes Jahr. Das ist kein abstrakes Zukunftsproblem, sondern gelebte Realität auf der Stromrechnung.
Bis 2037 beziffert der Verband der Netzbetreiber den Investitionsbedarf allein für Übertragungs- und Verteilnetz auf 440 Milliarden Euro. Entscheidet sich die Politik, diesen Ausbau über private Kapitalmärkte statt über staatliche Finanzierung zu stemmen, kommen nach Schätzungen von Ökonomen nochmals bis zu 220 Milliarden Euro an vermeidbaren Zinskosten hinzu.
Smart Meter: Das vergessene Werkzeug
Intelligente Stromzähler sind kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für ein modernes Energiesystem. Ihr Potenzial ist enorm: 15,6 Terawattstunden verschiebbare Energie – das entspricht rund einem Drittel aller deutschen Gaskraftwerke – könnten durch Smart Meter aktiviert werden. Haushalte mit steuerbaren Verbrauchseinrichtungen können ihre Energiekosten durch gezielte Lastverschiebung um bis zu 30 Prozent senken.
Die Realität: Von 814 rolloutpflichtigen Unternehmen haben 688 die gesetzliche Mindestquote verfehlt – ihnen drohen mittlerweile Zwangsgelder. Die ursprünglich prognostizierten Jahreskosten von 20 Euro pro Haushalt sind auf 40 bis 140 Euro gestiegen. Der Rollout stockt, die Grundlage für dynamische Tarife und smarte Netzsteuerung fehlt.
Die eigentliche Frage: Wahlkampf statt Klimaschutz?
Wer die zwei Milliarden für Kernfusion als „Verschwendung“ bezeichnet, greift zu kurz. In einer Volkswirtschaft von über vier Billionen Euro BIP sind zwei Milliarden Forschungsförderung kein Skandal – und ja, Deutschland hat bei Solar, Wind und Batterien Technologieführerschaft leichtfertig aufgegeben. Ein neuerlicher Anlauf auf Zukunftstechnologien ist per se vertretbar.
Das eigentliche Problem ist ein anderes: Es ist die Prioritätensetzung, die politisch aufgeblähte Zeitplanung und die damit verbundene Botschaft. Wenn Markus Söder einen Fusionsreaktor bis 2035 verspricht, während Physiker einhellig von 2050+ sprechen, ist das keine Forschungsförderung mehr – das ist Wahlkampfkommunikation in Milliardenhöhe.
Und während diese Debatte geführt wird, fehlen jährlich 15 bis 20 Milliarden Euro im Netzausbau. Windstrom muss abgeregelt werden, weil er nicht transportiert werden kann. E-Autos und Wärmepumpen stoßen auf überlastete Ortsnetze. Smart Meter, die all das abfedern könnten, stagnieren.
Fazit: Die falsche Debatte kostet am meisten
Kernfusion vs. Erneuerbare ist kein Entweder-oder. Aber die Energiewende braucht heute funktionierende Netze, Smart Meter und Speicher – nicht in 25 Jahren mögliche Reaktoren. Wenn die zwei Milliarden für Fusion die politische Aufmerksamkeit von den 600 Milliarden ablenken, die das Netz wirklich braucht, dann ist das der eigentliche Preis dieser Investition.
Harald Lesch hat in einem Punkt unbestreitbar recht: Der Strom, der aus der Steckdose kommt, ist derselbe – egal ob er aus Fusion, Wind oder Sonne stammt. Und solange er nicht zuverlässig durch ein modernes, stabiles Netz fließen kann, spielt es keine Rolle, aus welcher Quelle er theoretisch stammen könnte.
Quellen & Einordnung
Frankfurter Rundschau / ippen.media: Interview mit Prof. Harald Lesch | Handelsblatt: Netzausbaukosten Deutschland | Bundesnetzagentur: Smart Meter Rollout 2025 | Proxima Fusion: Unternehmensangaben | ITER Organization: Projektstand Cadarache









