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Europas Innovationscluster: Milliardeninvestitionen zeigen Stärke – doch wie wirksam ist die staatliche Förderung?

Europas Innovationscluster: Milliardeninvestitionen zeigen Stärke – doch wie wirksam ist die staatliche Förderung?

Europa steht im internationalen Technologiewettbewerb unter Druck. Doch der Kontinent verfügt bereits über Forschungs- und Industriestandorte, die weltweit zur Spitze gehören. Neue Milliardeninvestitionen in Halbleitertechnologie und eine aktuelle Untersuchung zur deutschen Clusterförderung zeigen, wo Europas Stärken liegen – und welche wirtschaftlichen Vorteile staatliche Unterstützung tatsächlich bringt.

Europas Innovationsstandorte gehören zur Weltspitze

Die europäische Forschungs- und Industrielandschaft ist international konkurrenzfähiger, als es die Diskussion über einen technologischen Rückstand häufig vermuten lässt. Das zeigt der Global Innovation Index 2026 der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO).

Bei der Innovationsintensität, gemessen an Patentanmeldungen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Risikokapitalaktivitäten im Verhältnis zur Bevölkerung, erreicht Cambridge weltweit Platz zwei, Oxford Platz fünf. Innerhalb der Europäischen Union führen Eindhoven auf Platz acht und Helsinki auf Platz neun. Stockholm, Kopenhagen und München folgen auf den Plätzen elf, zwölf und fünfzehn.

Deutschland ist mit sieben Standorten unter den weltweit 100 größten Innovationsclustern vertreten. China kommt auf 25, die USA auf 20.

Allerdings bestehen deutliche Unterschiede. Während europäische Regionen besonders bei Forschung und Patenten überzeugen, besitzen nordamerikanische Innovationszentren vor allem beim Risikokapital und der Vermarktung neuer Technologien Vorteile.

Milliardeninvestitionen in die europäische Halbleiterindustrie

Wie stark Europas bestehende Technologiestandorte bereits sind, zeigen konkrete Investitionen in der Halbleiterindustrie.

In Dresden eröffnete Infineon am 2. Juli 2026 die neue Smart Power Fab. Mit einem Investitionsvolumen von fünf Milliarden Euro handelt es sich um die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. In der Fabrik sollen rund 1.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Produziert werden Leistungshalbleiter und weitere Chips, die unter anderem in Elektrofahrzeugen, Stromnetzen, Industrieanlagen und Rechenzentren benötigt werden.

Ebenfalls in Dresden entsteht die Chipfabrik der European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC), eines Gemeinschaftsunternehmens von TSMC, Bosch, Infineon und NXP. Für das Projekt mit einem Volumen von rund zehn Milliarden Euro wurde im September 2026 Richtfest gefeiert. Der Produktionsbeginn ist für 2027 geplant. Der Bund unterstützt das Vorhaben mit bis zu fünf Milliarden Euro.

Die beiden Fabriken verdeutlichen, wie sich bestehende industrielle Kompetenzen und neue Investitionen an einem Standort ergänzen können. Dresden verfügt bereits seit Jahrzehnten über eine ausgeprägte Mikroelektronikindustrie und ein Netzwerk spezialisierter Zulieferer und Forschungseinrichtungen.

Auch in Belgien entstehen neue Forschungsinfrastrukturen. Im Februar 2026 wurde am Forschungszentrum imec in Leuven die NanoIC-Pilotlinie eröffnet. Das Investitionsvolumen beträgt 2,5 Milliarden Euro. Davon stammen 700 Millionen Euro aus EU-Mitteln, weitere 700 Millionen Euro von nationalen und regionalen Regierungen. Den verbleibenden Betrag finanzieren ASML und andere Industriepartner.

Die Anlage soll die Entwicklung besonders kleiner und leistungsfähiger Halbleiter ermöglichen. Neue Fertigungsverfahren können dort unter industrienahen Bedingungen getestet werden, bevor sie in die Serienproduktion gelangen.

Wie bedeutend die privaten Forschungsinvestitionen bereits sind, zeigt der niederländische Maschinenbauer ASML. Das Unternehmen gab 2025 konzernweit rund 4,7 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus. ASML gehört zu den weltweit wichtigsten Herstellern von Lithografiesystemen für die Chipproduktion.

Die genannten Beträge sind allerdings unterschiedlich einzuordnen: Während ASML tatsächlich angefallene jährliche Forschungsausgaben ausweist, handelt es sich bei den Fabrikprojekten um mehrjährige Investitionsvolumina. Sie dürfen nicht mit bereits vollständig realisierten Ausgaben gleichgesetzt werden.

Neue Fraunhofer-Studie fordert stärkere Bündelung

Vor diesem Hintergrund schlägt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag des European Round Table for Industry (ERT) vor, Europas Forschungs- und Industriepotenziale stärker zu bündeln.

Die Wissenschaftler empfehlen den Aufbau beziehungsweise die gezielte Stärkung einer begrenzten Zahl international wettbewerbsfähiger Innovationscluster. Diese sollen Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Hochschulen, junge Technologieunternehmen und Kapitalgeber enger miteinander vernetzen.

Neben einer konzentrierten Förderung fordern die Autoren bessere Finanzierungsmöglichkeiten für Wachstumsunternehmen, einen leichteren Austausch von Fachkräften und den Abbau regulatorischer Hindernisse.

Entscheidend ist jedoch, ob eine solche Förderung tatsächlich zusätzliche wirtschaftliche Vorteile erzeugt.

DIW-Studie belegt positive Effekte bei kleineren Unternehmen

Eine im September 2026 veröffentlichte Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) liefert dazu konkrete Ergebnisse.

Untersucht wurde der deutsche Spitzencluster-Wettbewerb, in dessen Rahmen zwischen 2008 und 2017 insgesamt 15 Innovationscluster mit rund 600 Millionen Euro öffentlichen Mitteln gefördert wurden. Einschließlich der Beiträge beteiligter Unternehmen und Einrichtungen erreichte das Projektvolumen etwa 1,2 Milliarden Euro.

Die Wissenschaftler verglichen die wirtschaftliche Entwicklung geförderter Unternehmen mit vergleichbaren Betrieben ohne entsprechende Förderung.

Besonders deutlich waren die Ergebnisse bei kleinen und mittleren Unternehmen. Ihr Anlagevermögen lag nach Förderbeginn durchschnittlich rund 50 Prozent höher als bei vergleichbaren nicht geförderten Unternehmen. Auch die Personalausgaben stiegen um knapp 15 Prozent. Darüber hinaus verzeichneten die Forscher einen statistisch signifikanten Zuwachs qualitätsgewichteter Patentanmeldungen.

Bei großen Unternehmen fielen die Ergebnisse unterschiedlich aus. Zwar stiegen die Personalausgaben, bei Anlagevermögen und Patentaktivität waren jedoch keine vergleichbar belastbaren zusätzlichen Effekte nachweisbar.

Damit liefert die Untersuchung Hinweise darauf, dass gezielte Innovationsförderung insbesondere kleineren Unternehmen hilft, Investitionen auszuweiten und neue Technologien zu entwickeln.

Nicht alle erhofften Vorteile treten ein

Die DIW-Forscher untersuchten außerdem, ob staatlich geförderte Cluster positive Auswirkungen auf benachbarte Unternehmen haben, die selbst nicht zum jeweiligen Netzwerk gehören.

Solche Effekte werden in der Innovationspolitik häufig erwartet. Neue Forschungseinrichtungen, qualifizierte Fachkräfte und erfolgreiche Unternehmen sollen weitere Investitionen anziehen und dadurch die regionale Wirtschaft stärken.

Die Untersuchung bestätigte diese Erwartung jedoch nicht generell. Für geografisch benachbarte Unternehmen außerhalb der geförderten Cluster konnten keine statistisch signifikanten positiven Auswirkungen festgestellt werden.

Auch bei der gemeinsamen Patententwicklung zeigten sich teilweise negative Effekte auf die Zusammenarbeit.

Die Ergebnisse widersprechen nicht grundsätzlich dem Nutzen von Innovationsclustern. Sie verdeutlichen jedoch, dass staatliche Förderung nicht automatisch zu zusätzlichen wirtschaftlichen Vorteilen für eine gesamte Region führt.

Ebenso wenig lässt sich aus den untersuchten Daten bereits eine vollständige volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Bilanz ableiten. Dafür müssten unter anderem zusätzliche Wertschöpfung, Beschäftigung, Steuereinnahmen und langfristige Förderkosten berücksichtigt werden.

Europas Stärke liegt in bestehenden industriellen Netzwerken

Die europäischen Innovationscluster besitzen eine solide wissenschaftliche und industrielle Grundlage. Forschungseinrichtungen, spezialisierte Unternehmen und qualifizierte Beschäftigte bilden vielerorts gewachsene Netzwerke, die sich nicht kurzfristig an anderen Standorten reproduzieren lassen.

Dresden, Eindhoven und Leuven zeigen auf unterschiedliche Weise, wie bestehende Kompetenzen Milliardeninvestitionen und technologische Weiterentwicklungen ermöglichen.

Die DIW-Untersuchung belegt zugleich, dass staatliche Clusterförderung insbesondere kleineren Unternehmen messbare Vorteile bringen kann. Offen bleibt jedoch, ob eine Konzentration auf wenige europäische Spitzenstandorte wirtschaftlich wirksamer wäre als eine breitere Förderung von Forschung, Unternehmensgründungen und technologischer Entwicklung.

Europa muss seine Innovationslandschaft nicht neu aufbauen. Die Herausforderung besteht darin, vorhandene Stärken weiterzuentwickeln und öffentliche Fördermittel dort einzusetzen, wo sie nachweisbar zusätzliche Investitionen und Innovationen ermöglichen.


Quellen und weiterführende Informationen