Vom Dampfen und dem Recht auf Leben

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Vom Dampfen und dem Recht auf Leben

Vom Dampfen und dem Recht auf Leben

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“
Hamlet, Prinz von Dänemark von William Shakespeare, 3.Aufzug, 1.Szene

Das Grundgesetz der BRD bestimmt in Art.2, Abs.2, Satz1 1.Alt. das Grundrecht auf Leben: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit […]“ Das Bundesverfassungsgericht hat daraus einen eindeutigen Auftrag an den deutschen Staat abgeleitet: „Die Pflicht des Staates, jedes menschliche Leben zu schützen, lässt sich bereits unmittelbar aus Art.2 Abs.2 Satz 1 GG ableiten.“ Mit anderen Worten: Erlässt oder ratifiziert der Staat ein Gesetz, das unmittelbar das Recht auf Leben jedes Einzelnen einschränken könnte, handelt er verfassungswidrig.

Deshalb muss das Recht auf Leben, wie alle anderen grundgesetzlich verankerten, bürgerlichen Rechte, auch jedem neuen Gesetzesentwurf zugrunde gelegt werden. Dies hat entscheidende Auswirkungen auf die Frage, in welchen Fällen das Ziel der Regulierung von E-Zigaretten verfassungskonform wäre. Es gäbe zwei mögliche Szenarien:

1. Unregulierte E-Zigaretten stellen eine akute Lebensgefahr dar.
2. Regulierte Zigaretten eliminieren diese Gefahr oder schränken sie zumindest nennenswert ein.

Aber wie definiert sich eigentlich „Leben“ im E-Zigaretten-Kontext? Mir sind in letzter Zeit zwei Visualisierungen des Zusammenhang von Lebendigkeit und Dampfen in den virtuellen Schoß gefallen.


Das erste ist ein You Tube Video von 2011 (siehe Link), in dem ein Dutzend Fliegen einem für sie unschönen Experiment ausgesetzt werden (welches, muss ich allerdings hinzufügen, wie alle Tierversuche mein veganes Herz hat bluten lassen).

In zwei umgedrehte Weingläser wurden lebende Fliegen eingeschlossen.

Vom Dampfen und dem Recht auf Leben

Daraufhin wurde in das linke Glas Dampf aus einer Ego-E-Zigarette (zum genauen Gerätetyp werden keine weitere Angaben gemacht), in das rechte der Rauch einer Marlboro Menthol Tabakzigarette eingeblasen.

Zigaretten sind schädlicher

Daraufhin entspinnt sich folgender (grob übersetzter) Dialog zwischen den beiden Beobachtern.

A: So, hier sind also einige Fliegen.

B: Jawohl, alles gesunde Fliegen.

A: Freiwillige natürlich!

B: Ja, alle haben sich aus freiem Willen beteiligt. (1 Minute, 40 Sekunden). Hier scheint schon eine tote Fliege zu sein. Da liegt eine am Boden des Glases mit der regulären Tabakzigarette. Wir sind jetzt 40 Sekunden dabei und werden jetzt mehr Rauch und Dampf einblasen.

A: Ich hoffe, da draußen haben keine Tierschutzgruppen ein Problem hiermit. Dieses Experiment ist zum Nutzen der Menschheit.

B: Wir sind jetzt bei 1 Minute, 15 Sekunden. Es scheinen schon eine ganze Reihe auf dem Boden dieses [rauchgefüllten] Glases zu liegen.

A:Die Fliegen im dampfgefüllten Glas hängen auch auf dem Boden rum, aber keine scheint mit dem Bauch nach oben zu liegen oder ansonsten schwer eingeschränkt zu sein.

B:Die chillen nur glücklich. (3 Minuten, 30 Sekunden). Sieht so aus, als würden die anderen jetzt alle am Boden liegen. Sie bewegen sich auch nicht mehr wirklich. Das Experiment läuft jetzt seit drei Minuten.

A: (4 Minuten, 5 Sekunden). Sollen wir noch mehr rein blasen? Hm, eher nicht.

B: (4 Minuten, 24 Sekunden). Sieht so aus, als ob 70% bis 80% der Fliegen tot wären. (4 Minuten, 4 Sekunden). Sieht so aus, als ob eine es immer noch aushalten würde. Die hat eine beeindruckende Lungenkapazität. Wir warten noch etwas länger.

A: (5 Minuten, 20 Sekunden): Noch eine Dosis?

B: Ja, noch eine Dosis. Mehr Rauch und mehr Dampf. (6 Minuten) Was versuchen wir eigentlich mit diesem Video zu zeigen?

A: Wir versuchen den Mythos zu widerlegen, dass elektrische Zigaretten schädlicher für die Gesundheit sind als herkömmliche, Marlboro Mentholzigaretten. Der Liquid im Ego-Tank enthält auch Menthol. (6 Minuten, 35 Sekunden). Lass uns die Gläser umdrehen.

Dampfen ist weniger schädlich

B: Erst öffnen wir das Bedampfte. Es waren fünf Fliegen in dem Glas. Dies sind alle gerade weggeflogen. Das war jetzt die elektrische Zigarette. In dem Glas mit dem regulären Zigarettenrauch waren mehr Fliegen. Die bleiben alle liegen.

A. Die sehen alle tot aus.

B.Einige bewegen sich noch, aber die meisten sind tot. (7Minuten, 30 Sekunden). Hier die Testresultate: Meiner Meinung nach sind die Ergebnisse unwiderlegbar. Die elektrischen Zigaretten sind besser. (Den letzten Satz unterschlage ich, da er den Vorschlag weiterer Tierversuche enthält/ Anm. Der Autorin)


Soviel zu ersten Illustration. Die zweite haben wir kürzlich in einem Artikel (Deutscher Wissenschaftler kommentiert Fehler in eZigaretten Studie) vorgestellt. Es handelt sich um eine Bilderserie, die die Wirkung (eines wässrigen Primäreluats) von Zigarettenrauch und E-Liquid-Dampf auf kultivierte humane Lungenzellen nach jeweils zehn Stunden Einwirkzeit vergleicht. Ich habe eine Auswahl diese Bilder im Folgenden analog zu den beiden Weingläsern des obigen Experimentes nebeneinandergestellt.

Lungenzellen mit Liquid Dampf
Lungenzelle mit Dampf vom Liquid
Lungenzellen mit Zigarettenrauch
Zigarettenrauch mit Lungenzellen

Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um mit bloßem Auge zu sehen: Nach zehn Stunden hat die Zelldichte der bedampften Kultur weiter zugenommen. Mit anderen Worten: Sie war auch unter Einfluss von Nikotinassdampf weiterhin in der Lage, dass zu tun, was den Inbegriff allen Lebens auf diesem Planeten und die Essenz von Lebendigkeit ausmacht: Nämlich, sich durch gesunde, vollständige Zellteilung fortzupflanzen. Zellbewegungen fanden weiter statt; die Kultur blieb vital.

Die zugerauchten Zellen hingegen hörten bereits nach vier Stunde vollständig auf, sich zu teilen; die Einzelzellen rundeten sich immer mehr ab, die Schutzhaut der Zellen (Zellmembran) wurde zerstört, der Zellinhalt quoll nach außen. Nach zehn Stunden waren die meisten Zellen abgestorben und wiesen keine Vitalfunktionen mehr auf.


Was haben diese nach völlig unterschiedlichen Maßstäben der wissenschaftlichen Präzision durchgeführten Experimente gemeinsam? Sie lassen zwei einfache Gleichungen zu:

Nikotinnassdampf = Leben.
Tabakrauch = Tod.

Natürlich: Fliegen und in-vitro untersuchte Lungenzellen sind keine ins menschliche System eingebundenen Zellen. Beide Versuche zeigen lediglich die Ergebnisse einer extrem kurzen Zeitspanne im Vergleich zu den Langzeituntersuchungen, die jeder fundierten medizinischen Aussage zugrunde liege sollten. Der Versuchsaufbau des Weinglasexperimentes war dilettantisch und hätte problemlos durch nicht gezeigte, verfälschende Faktoren manipuliert werden können. Und so weiter und so fort.

Nehmen wir aber nun dieses Amateur-Experiement sowie die mit großer Sorgfalt unter Laborbedingungen von einem erfahrenen Wissenschaftler erstellte Analyse und addieren sie zu den etwa 400 bereits vorhandenen Studien von ebenfalls variierender Qualität, dann landen wir in der Summe immer noch bei diesem aus organischer Sicht eindeutigen Ergebnis:

Nikotinnassdampf = Leben.
Tabakrauch = Tod.

Betrachten wir nun noch einmal die einzige beiden Prämissen, unter denen extensive
E-Zigarettenregulierungen grundgesetzlich vertretbar wären, nämlich:

1.Unregulierte E-Zigaretten stellen eine akute Lebensgefahr dar.

2.Regulierte Zigaretten eliminieren diese Gefahr oder schränken sie zumindest nennenswert ein.

Wir stellen fest, dass sich die biologische und verhaltenspsychologische Wirklichkeit genau diametral verhält:

1.Unregulierte E-Zigaretten haben keinen nennenswerten Einfluss auf die Zellvitalität, sie beeinträchtigen Leben also nicht existenzbedrohlich.

2.Die Überregulierung von E-Zigaretten verringert die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß des Umstiegs vom Rauchen aufs Dampfen – sprich: Sie schränkt das Recht auf Unversehrtheit des Lebens ein.

Für die Zelle als Nukleus des Lebens stellt der Unterschied zwischen E-Zigarette und Tabakzigarette den Unterschied zwischen Sein und Nichtsein dar (für ein paar Fliegen leider auch).

Durch Widerstand sie enden

Shakespeare wusste um die Barrieren des Widerstands.

„Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden […]?

Daß wir die Übel, die wir haben, lieber
Ertragen als zu unbekannten fliehn.
So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt […]“

Hoffe wir, dass es da draußen mutige und schlaue Juristen gibt, bereit, unsere Verfassung als Waffe gegen diesen See aus Plagen (die da wären: Korruption, Ignoranz, Rückständigkeit, Visionslosigkeit…) einzusetzen.

Das komplette Video:

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