Reiches Energiewende: realistisch, teuer, zu vorsichtig
Ihr Gastbeitrag trifft einen wunden Punkt – und steuert doch in die falsche Richtung
Katherina Reiche hat in ihrem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau einen Nerv getroffen. Sie beschreibt ein Stromsystem, das an seinen eigenen Widersprüchen leidet: zu langsame Netze, zu hohe Kosten, zu viel politische Selbstberuhigung. Damit hat sie nicht unrecht. Deutschland hat sich die Energiewende lange schön erzählt. Nur: Aus einer richtigen Diagnose folgt bei Reiche nicht automatisch die beste Therapie.
Sie benennt das Problem klarer als viele ihrer Gegner
Reiche formuliert etwas, das in der deutschen Energiedebatte oft verdrängt wird: Wind und Sonne allein machen noch kein funktionierendes Energiesystem. Strom muss nicht nur erzeugt, sondern auch transportiert, gespeichert und im Zweifel abgesichert werden. Genau daran hapert es. Die Netze hinken hinterher, Speicher fehlen, und wenn das System unter Stress gerät, wird es teuer.
Das ist der starke Teil ihres Gastbeitrags. Er räumt mit der bequemen Illusion auf, man müsse nur noch ein paar Windräder und Solarfelder aufstellen, dann werde Strom automatisch billig, sicher und überall verfügbar. So funktioniert kein Industrieland.
Und dann macht sie den klassischen deutschen Fehler
Wo Reiche schwächer wird, ist nicht bei der Problembeschreibung, sondern bei der Schlussfolgerung. Denn ihre Antwort auf ein ineffizientes System lautet im Kern: mehr Absicherung, mehr Reserve, mehr Gas. Nicht als offene Kampfansage gegen die Energiewende, sondern als nüchtern verpackte Sicherheitslogik. Genau das macht ihren Ansatz politisch anschlussfähig – und ökonomisch problematisch.
Denn neue Gaskraftwerke lösen nicht das Grundproblem. Sie kaschieren es. Sie springen ein, wenn das System nicht liefert. Sie machen ein unfertiges Modell stabiler. Aber sie machen es nicht automatisch besser. Deutschland droht damit, sich ein Energiesystem zu bauen, das für den Ausnahmefall optimiert wird – und dessen Kosten im Alltag alle tragen.
Reiches Linie ist nicht falsch. Sie ist zu teuer gedacht.
Das eigentliche Risiko ihres Kurses liegt in der Überabsicherung. Natürlich braucht ein Land wie Deutschland Reservekapazitäten. Natürlich kann man Versorgungssicherheit nicht mit politischen Wunschzetteln organisieren. Aber zwischen notwendiger Absicherung und teurer Dauer-Vollkasko liegt ein gewaltiger Unterschied.
Genau dort wirkt Reiches Gastbeitrag zu vorsichtig, zu konventionell, zu kraftwerksfixiert. Er denkt Sicherheit vor allem über zusätzliche steuerbare Leistung. Er denkt weniger in Speichern, weniger in Flexibilität, weniger in einem System, das intelligenter wird, statt nur dicker gepolstert.
Das eigentliche Versagen liegt nicht bei Wind und Sonne
Reiche hat recht, wenn sie vor Selbsttäuschung warnt. Aber die Selbsttäuschung begann nicht erst beim Ausbau der Erneuerbaren. Sie begann dort, wo Deutschland jahrelang so tat, als könne man ein neues Stromsystem aufbauen, ohne das Drumherum konsequent mitzudenken. Der Flaschenhals sind nicht zuerst die Erneuerbaren. Der Flaschenhals sind Netze, Speicher, Verfahren und politische Langsamkeit.
Wenn günstiger Strom nicht dort ankommt, wo er gebraucht wird, ist nicht die Sonne das Problem. Dann ist das System das Problem. Wenn Windstrom abgeregelt wird, während anderswo teurere Reserve gebraucht wird, ist das kein Beweis gegen die Energiewende. Es ist ein Beweis gegen ihren schlechten Ausbaupfad.
Der bessere Weg wäre härter, aber klüger
Die wirtschaftlich bessere Linie wäre deshalb nicht, Reiches Kurs komplett zu verwerfen. Sie wäre, ihn zu präzisieren und ihm seine teuersten Reflexe zu nehmen. Ja zu Reserve. Aber nur im minimal nötigen Umfang. Ja zu Versorgungssicherheit. Aber nicht als Blankoscheck für überdimensionierte Gaspläne. Ja zu Realismus. Aber bitte nicht in der alten Sprache des fossilen Sicherheitsdenkens.
Der eigentliche Schwerpunkt müsste viel stärker auf beschleunigten Netzen, großem Speicherausbau, flexibler Nachfrage und einem Strommarkt liegen, der Knappheit und Überschuss besser verarbeitet. Dort entscheidet sich, ob Deutschland ein modernes Energiesystem baut – oder nur ein kostspielig abgesichertes Übergangsmodell.
Fazit: Reiche ist realistischer als viele – aber nicht mutig genug für die beste Lösung
Ihr Gastbeitrag ist keine Absage an die Energiewende. Er ist ein Misstrauensvotum gegen ihre bisherige Organisation. Das ist in Teilen berechtigt. Nur bleibt Reiche am Ende selbst in einer alten Logik stecken: Sicherheit zuerst, Effizienz später.
Genau das ist der Schwachpunkt ihres Ansatzes. Er ist nicht blind. Er ist nicht naiv. Er ist nur zu defensiv. Und Defensive ist in der Energiepolitik fast immer teuer.
Wenn Deutschland wirklich aus der Selbsttäuschung aussteigen will, reicht es nicht, die Schwächen der Energiewende zu benennen. Dann muss man auch den Mut haben, die Antwort nicht wieder vor allem in neuen Gaskraftwerken zu suchen.









