Wasser aus der Dusche zweimal nutzen: Pilotprojekt in Lünen zeigt, wie Städte Wasser und Energie sparen könnten
Wasser aus Dusche und Waschbecken landet normalerweise nach einmaliger Nutzung in der Kanalisation. Gleichzeitig wird hochwertiges Trinkwasser beispielsweise für die Toilettenspülung verwendet. Ein Forschungsprojekt in Lünen zeigt, dass sich dieser Kreislauf zumindest teilweise durchbrechen lässt. In einem neuen Wohnquartier werden Grauwasser und Regenwasser wiederverwendet und zusätzlich Wärme aus dem Duschwasser zurückgewonnen.
Das vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI entwickelte i.WET-Konzept verbindet dafür Wasseraufbereitung, Regenwasserspeicherung, Wärmerückgewinnung und begrünte Infrastruktur. Erste Ergebnisse aus dem Demonstrationsprojekt zeigen beträchtliche Einsparpotenziale. Allerdings muss zwischen tatsächlich gemessenen Werten und Modellrechnungen unterschieden werden.
Ein Wohnquartier als Versuchslabor
Erprobt wird i.WET in einem Neubauquartier an der Preußenstraße in Lünen in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit dem Bauverein zu Lünen und dem Stadtbetrieb Abwasserbeseitigung wurden die Komponenten bereits bei der Planung von sieben Mehrfamilienhäusern und deren Außenanlagen berücksichtigt. Die ersten Gebäude wurden 2022 bezogen.
Der Ansatz unterscheidet sich von der klassischen Wasserversorgung. Regenwasser und vergleichsweise gering belastetes Abwasser aus Duschen und Waschbecken werden nicht unmittelbar zusammen mit anderem Abwasser abgeführt.
Stattdessen entstehen getrennte Kreisläufe.
Aufbereitetes Grauwasser kann beispielsweise erneut für Toiletten verwendet werden. Regenwasser wird gespeichert und für Grünflächen eingesetzt. Überschüssiges Wasser gelangt in bepflanzte Bodenfilter, während Wärme aus noch warmem Duschwasser für die Energieversorgung von Gebäuden zurückgewonnen werden kann.
Bis zu 90 Prozent weniger Trinkwasser für die Toilettenspülung
Besonders interessant sind die Ergebnisse eines der Gebäude.
Dort wird Wasser aus den Duschen gesammelt, behandelt und desinfiziert. Anschließend wird es als Betriebswasser für die Toiletten verwendet.
Nach Angaben des Fraunhofer ISI können dadurch 80 bis 90 Prozent des ansonsten für die Toilettenspülung benötigten Trinkwassers ersetzt werden.
Dabei ist allerdings eine wichtige Einschränkung zu beachten: Die 80 bis 90 Prozent beziehen sich ausschließlich auf das Wasser für die Toiletten und nicht auf den gesamten Trinkwasserverbrauch eines Haushalts.
Für ein vollständig mit den vorgesehenen i.WET-Komponenten ausgestattetes Quartier errechneten die Forschenden ein wesentlich umfassenderes Einsparpotenzial. Rund 30 bis 40 Prozent des häuslichen Trinkwasserbedarfs könnten durch aufbereitetes Grau- und Regenwasser ersetzt werden. Dieser Wert stammt jedoch aus Modellrechnungen und ist noch keine gemessene Einsparung des gesamten Quartiers.
Auch die Wärme des Duschwassers wird genutzt
Wasser enthält nach dem Duschen nicht nur wiederverwendbares Wasser, sondern auch Energie.
Duschwasser verlässt die Wohnung häufig mit Temperaturen von etwa 25 bis 30 Grad Celsius. Im normalen Abwassersystem verschwindet diese Wärme weitgehend ungenutzt in der Kanalisation.
In einem weiteren Gebäude des Lüner Projekts wird das warme Grauwasser deshalb gesammelt und als Wärmequelle für eine Wärmepumpe verwendet.
Die Anlage versorgt damit einen Teil des Heiz- und Warmwassersystems. Nach den bisherigen Betriebserfahrungen deckt die Grauwasser-Wärmepumpe rund sechs Prozent des jährlichen Wärmebedarfs des Gebäudes.
Dieser Wert stammt aus dem tatsächlichen Betrieb und ist deshalb besonders aussagekräftig.
Deutlich höher fällt dagegen das theoretische Ausbaupotenzial aus. Fraunhofer berechnet, dass bei optimierter Betriebsweise und einer Ausweitung auf das gesamte Quartier der Primärenergiebedarf für die Warmwasserbereitung um etwa 20 bis 50 Prozent sinken könnte.
Auch hier gilt: Die 50 Prozent sind bislang ein berechnetes Potenzial und kein bereits im Quartier erreichter Messwert.
Das Quartier wird gleichzeitig zum Wasserspeicher
Das Konzept beschränkt sich nicht auf die Gebäude.
Auch die Außenanlagen spielen eine wichtige Rolle. Regenwasser wird in Zisternen gespeichert und unter anderem für die Bewässerung von etwa 6.400 Quadratmetern Grünfläche verwendet.
Bei starken Niederschlägen übernehmen die Speicher gleichzeitig eine weitere Funktion. Sie halten einen Teil des Regenwassers zunächst zurück, anstatt es unmittelbar in die Kanalisation einzuleiten.
Damit folgt das Projekt einem Prinzip, das zunehmend unter dem Begriff Schwammstadt diskutiert wird.
Das Umweltbundesamt sieht solche Konzepte als einen wichtigen Ansatz für die Anpassung von Städten an Starkregen, Hitze und Trockenheit. Ziel ist es, Niederschläge stärker vor Ort zurückzuhalten, versickern zu lassen oder für Stadtgrün zu verwenden, anstatt Wasser möglichst schnell aus der Stadt abzuleiten.
i.WET kann extreme Überschwemmungen damit nicht verhindern. Dezentrale Speicher und Grünflächen können jedoch Abflussspitzen reduzieren und die Kanalisation entlasten.
Pflanzen und Boden reinigen überschüssiges Wasser
Ein weiterer Bestandteil des Systems ist die sogenannte i.WET-Allee.
Wasser von Straßen, Dächern und aus Zisternen wird dort durch einen bepflanzten Bodenfilter geleitet. Dieser soll Schad- und Nährstoffe zurückhalten, bevor das Wasser in Oberflächengewässer gelangt oder teilweise erneut genutzt werden kann.
Messungen aus dem Demonstrationsprojekt zeigen laut Fraunhofer, dass die Anlage die untersuchten Schad- und Nährstoffe zuverlässig reduziert. Auch die mikrobiologischen Untersuchungen der aufbereiteten Wasserströme lieferten überwiegend gute Ergebnisse.
Die Erfahrungen zeigen allerdings ebenfalls, dass solche dezentralen Systeme technisch überwacht und gewartet werden müssen. Während des Projekts wurde beispielsweise vorübergehend eine Verschlechterung der Wasserqualität festgestellt, die auf einen baulichen Mangel zurückgeführt und anschließend behoben werden konnte.
Damit liefert der Versuch nicht nur Daten über mögliche Einsparungen, sondern auch über die Anforderungen eines dauerhaften Betriebs.
Kann sich das System wirtschaftlich rechnen?
Neben Wasser- und Energieeinsparungen stellt sich die Frage nach den Kosten.
Fraunhofer hat dafür unterschiedliche Infrastrukturvarianten über lange Lebenszyklen miteinander verglichen. Nach den Modellrechnungen können i.WET-Alleen über Betrachtungszeiträume von 60 bis 120 Jahren mindestens kostenneutral und teilweise günstiger sein als konventionelle Lösungen mit getrennten Kanalsystemen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ein i.WET-System grundsätzlich billiger ist.
Solche Lebenszyklusberechnungen hängen unter anderem von Baukosten, Wartung, Wasser- und Abwasserpreisen, Finanzierung sowie der Lebensdauer einzelner Komponenten ab.
Das Lüner Projekt liefert deshalb zunächst den Nachweis, dass ein solches integriertes System technisch funktionieren kann. Ob es sich wirtschaftlich lohnt, muss für unterschiedliche Quartiere separat untersucht werden.
Weniger Wasserverbrauch verändert auch die Kanalisation
Eine großflächige Einführung könnte zudem Konsequenzen haben, die auf den ersten Blick paradox erscheinen.
Wenn immer mehr Wasser innerhalb der Gebäude wiederverwendet wird, gelangt weniger Wasser in die Kanalisation. Dadurch wird das verbleibende Abwasser konzentrierter und die Wassermenge in klassischen Freigefällekanälen sinkt.
Das langfristige i.WET-Konzept berücksichtigt deshalb auch mögliche Veränderungen der Abwasserinfrastruktur und sieht eine schrittweise Transformation bestehender Systeme vor.
Die Technologie ist damit nicht einfach eine zusätzliche Filteranlage für einzelne Gebäude. Bei großflächigem Einsatz könnte sie langfristig verändern, wie Städte Wasserversorgung, Kanalisation und Energieversorgung planen.
Warum das Projekt für Deutschland interessant ist
Deutschland verfügt grundsätzlich über eine leistungsfähige Trinkwasserversorgung. Dennoch verändern längere Trockenperioden, Hitze und Starkregen die Anforderungen an die Wasserwirtschaft.
Gleichzeitig wird ein erheblicher Teil hochwertigen Trinkwassers für Anwendungen eingesetzt, für die keine Trinkwasserqualität erforderlich wäre.
Das Lüner Projekt setzt genau an diesem Punkt an.
Wasser aus einer Dusche könnte künftig mehrere Funktionen erfüllen:
Trinkwasser → Duschen → Wärmerückgewinnung → Wasseraufbereitung → Toilettenspülung
statt nach der ersten Nutzung direkt in der Kanalisation zu verschwinden.
Hinzu kommt Regenwasser, das gespeichert, zur Bewässerung eingesetzt und gleichzeitig als Puffer bei Starkregen verwendet werden kann.
Das entspricht dem grundsätzlichen Paradigmenwechsel, den auch das Umweltbundesamt für klimaresiliente Städte beschreibt: Regenwasser soll stärker dort gespeichert und genutzt werden, wo es anfällt.
Fazit: Vielversprechend – aber noch kein Beweis für ganze Städte
Das Demonstrationsprojekt in Lünen zeigt, dass Grauwasserrecycling, Wärmerückgewinnung und Regenwassermanagement technisch miteinander verbunden werden können.
Besonders überzeugend sind die bereits im Betrieb gemessenen Ergebnisse. In einem Gebäude können 80 bis 90 Prozent des Trinkwassers für die Toilettenspülung ersetzt werden. Eine Grauwasser-Wärmepumpe liefert in einem anderen Gebäude gegenwärtig rund sechs Prozent des gesamten Wärmebedarfs.
Die noch spektakuläreren Zahlen – 30 bis 40 Prozent weniger Trinkwasserverbrauch und bis zu 50 Prozent weniger Primärenergie für die Warmwasserbereitung – sind dagegen bislang vor allem berechnete Ausbaupotenziale.
Ob sich das Konzept auch in bestehenden Stadtvierteln und im großen Maßstab wirtschaftlich umsetzen lässt, ist damit noch nicht beantwortet. Sieben Mehrfamilienhäuser können keine ganze Stadt abbilden.
Das Entscheidende an i.WET ist deshalb weniger eine einzelne Rekordzahl. Das Projekt zeigt vielmehr, wie sich die bisher weitgehend getrennten Systeme für Trinkwasser, Abwasser, Regenwasser, Energie und Stadtgrün miteinander verbinden lassen.
Sollte sich dieser Ansatz auch in weiteren Quartieren bewähren, könnte die Wasserversorgung der Zukunft weniger darin bestehen, immer größere Mengen zusätzliches Wasser bereitzustellen – sondern das bereits vorhandene Wasser wesentlich intelligenter und mehrfach zu nutzen.
Quellen: Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, i.WET-Demonstrationsvorhaben in Lünen und Presseinformation vom 18. August 2026; Umweltbundesamt, Schwammstadt – Zukunftskonzept für klimaresiliente und lebenswerte Städte. Die Angaben zu den Einsparpotenzialen stammen teilweise aus Messungen des Demonstrationsprojekts und teilweise aus Modellrechnungen des Fraunhofer ISI.




