Wir leben leise
Wie sich Macht anfühlt, wenn man betroffen ist
Für viele ist es Politik.
Für andere ist es ein Gefühl im Körper.
Ein kurzes Zögern vor der Haustür.
Das bewusste Hören auf Schritte im Treppenhaus.
Die Frage, ob ein Klopfen Hilfe bedeutet – oder das Ende des Alltags.
Seit Donald Trump und der politischen Linie, die er geprägt hat, ist Macht für viele Menschen nichts Abstraktes mehr.
Sie wird konkret erlebt: unangekündigt, unter Zwang, ohne Rücksicht auf das, was zurückbleibt.
Angst als Normalzustand
Die Angst der Betroffenen ist kein Ausnahmezustand. Sie ist Routine.
Der Tag beginnt nicht mit Planung, sondern mit Abwägung: Was kann ich mir heute leisten?
Arbeit, Schule, Arztbesuche oder Behördengänge werden zu Risiken.
Nicht aus Schuld, sondern aus Vorsicht.
Angst äußert sich hier selten als Panik. Sie zeigt sich als permanente Selbstkontrolle:
nicht auffallen, nicht fragen, nicht sichtbar werden.
Die Möglichkeit der Gefahr reicht – eine Drohung braucht es nicht mehr.
Macht ohne Zeit
Was Betroffene schildern, ist weniger die Gewalt des Zugriffs als die Gewalt der Unterbrechung.
Keine Zeit, jemanden zu informieren.
Keine Zeit, Kinder zu organisieren.
Keine Zeit, Haustiere in Sicherheit zu bringen.
Menschen verschwinden mitten aus ihrem Alltag.
Zurück bleiben offene Türen, verunsicherte Kinder, Tiere, die warten oder fliehen.
Macht zeigt sich nicht nur darin, Menschen mitzunehmen, sondern darin,
dass sich niemand zuständig fühlt für das, was danach geschieht.
Sprache als Vorstufe
Bevor Menschen betroffen sind, werden sie sprachlich verschoben.
Aus Nachbarn werden „Illegale“.
Aus Familien „Risiken“.
Aus Individuen eine „Invasion“.
Diese Begriffe sind nicht beiläufig. Sie bereiten vor.
Denn wer entmenschlicht wird, dessen Leid lässt sich leichter rechtfertigen.
„Ich bin noch da – aber ich zähle nicht mehr.“
Sich verstecken als Selbstschutz
Sich zu verstecken ist hier kein Schuldeingeständnis, sondern rationaler Selbstschutz.
Wenn Institutionen nicht mehr als Schutz, sondern als Gefahr wahrgenommen werden, ziehen sich Menschen zurück.
Es entstehen informelle Netzwerke:
Nachbarn bringen Lebensmittel.
Freiwillige versorgen Haustiere.
Menschen melden sich abends bei Vertrauenspersonen – als stilles Lebenszeichen.
Solidarität ersetzt staatliche Sicherheit.
Doch sie ist fragil und erschöpfend.
Das Sichtbare: Haustiere
Auffällig ist, dass Aufmerksamkeit oft erst entsteht, wenn Haustiere betroffen sind:
verängstigte Hunde auf der Straße, Katzen in Tierheimen.
Tiere machen sichtbar, was bei Menschen oft unsichtbar bleibt:
dass hier etwas zerbricht.
Für Betroffene ist das schmerzhaft.
Aber wenn Tierleid hilft, Realität sichtbar zu machen, wird selbst das akzeptiert.
Das Böse im Alltag
Das Beunruhigende ist nicht der Ausnahmezustand, sondern seine Normalisierung.
Das Böse kommt nicht als Schrecken.
Es kommt als Routine, als Verfahren, als Satz: „Ich mache nur meinen Job.“
So wird Grausamkeit entpersonalisiert – und wirksam.
Schluss
Für viele ist das eine politische Debatte.
Für andere ist es Existenz.
Die Macht des Bösen liegt nicht darin, Menschen zu vernichten.
Sondern darin, sie unsichtbar zu machen – und eine Gesellschaft daran zu gewöhnen.
Genau das erleben Menschen, die von Maßnahmen der Einwanderungsbehörde ICE betroffen sind – in Minnesota und in vielen anderen Teilen der USA.




